Review

Nach großen Erfolgen als Schauspielerin sehnte sich Natalie Portman anscheinend nach neuen Herausforderungen. Vermutlich dachte sie sich „selbst ist die Frau!“ ‑ und übernahm in ihrem neusten Film „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ nicht nur die weibliche Hauptrolle, sondern auch den Posten der Regisseurin.

Die Geschichte, die auf dem 800 Seiten starken, autobiografischen Roman von Amos Oz basiert und von Portman selbst adaptiert wurde, handelt von der Kindheit des israelischen Jungen. Dieser wächst in den 1940er Jahren in Jerusalem auf. Wohlbehütet, zumindest gewissermaßen, von Mutter Fania und Vater Arieh muss er sich auf der einen Seite mit den ganz normalen Sorgen eines Jungen herumschlagen, auf der anderen Seite erlebt er die Hoffnungen eines ganzen Volkes, denn die vertriebenen Juden hoffen, mit einem eigenen israelischen Staat endlich eine rechtmäßige Heimat zu erhalten.

Während das Weltgeschehen hohe Wellen schlägt, internationale Abstimmungen über das Wohl und Wehe der betroffenen Menschen entscheiden, liegt Amos‘ Blick ganz woanders. Der sensible Junge ist zurückhaltend, still und besitzt ein besonders inniges Verhältnis zu seiner Mutter. Beide hängen aneinander, ihr Verständigungsmittel sind Geschichten. Mutter Fania erzählt ihrem Sohn Gleichnisse, deren wahre Bedeutung sich allerdings erst am Ende des Films offenbaren. Anscheinend ist Amos nicht der einzige, der autobiografisch an seiner Geschichte arbeitet.

Zunehmend verstummt Fania allerdings. Mysteriöse Kopfschmerzen, Mattigkeit, Sensibilität ‑ kurz: schwindender Lebenswille zeichnet die schöne junge Frau. Weder Ärzte noch ihr Mann oder ihre Familie können ihr helfen. Amos steht dem mentalen Zerfall seiner Mutter hilflos gegenüber.

Am Ende steht das Unausweichliche und Unaussprechliche. Ja, „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ ist ein schwermütiger Film. Er lebt weder von actionreichen Kamerafahrten noch von überkandidelter Dramatik. Die Adaption von Portman wählt genau die Aspekte aus dem Gesamtwerk, die besonders nah auch an unserem Leben sind. Hin- und hergerissen von persönlichem Schicksal und Weltgeschehen bleibt manchmal einfach nichts anderes über, als zuzusehen und zu ertragen. Hier erweist Portman bereits ein geschicktes Händchen für den Aufbau einer sehenswerten Geschichte.

Szenefoto aus „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (Copyright: Koch Media)

Die Rolle der im wahrsten Sinne lebensmüden Fania vermag Natalie Portman zudem ebenfalls mit Bravour auszufüllen. Leider hängt sie ihre übrige Schauspiel-Crew damit ziemlich ab. Einzig der Junge Amos erreicht durch sein schweres Schicksal noch ein bisschen Emotion beim Zuschauer, die restlichen Charaktere wirken hingegen eher wie schmückendes Beiwerk.

Apropos Schmückendes: Was Portman als Regisseurin wirklich gut gelingt, ist eine prägnante Bildsprache. Die Aufnahmen besitzen die stoische Ruhe, die das Grundgefühl einer Depression perfekt widerspiegeln. Gleichzeitig zeichnet sie die Welt einfach schön. Sie beweist hier ein wirklich gutes Auge für Details und das große Ganze.

Unterm Strich erledigt die Schauspielerin hier drei von drei Aufgaben mit großem Applaus: Story, Bildsprache und die eigene schauspielerische Leistung liegen weit oberhalb des inhaltsleeren Hollywoodstandards. Einziger Wermutstropfen ist der etwas blasse restliche Cast. Nach „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ bleibt allerdings zu hoffen, dass Portman auch künftig als Regisseurin arbeiten wird.

Trailer

Handlung

Amos wächst in den 1940er-Jahren in Jerusalem auf, wo die aus Europa vertriebenen Juden auf einen israelischen Staat hoffen, der ihre rechtmäßige Heimat werden soll. Von diesem gelobten Land träumen auch Amos‘ Eltern: seine fantasievolle Mutter Fania und sein intellektueller Vater Arieh. Der Bibliothekar hat gerade sein erstes Buch über hebräische Literatur veröffentlicht und hält seinem zehnjährigen Sohn gern Vorträge über Sprachwissenschaft. Die schönsten Geschichten erzählt aber seine Mutter.

Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers und autobiographischen Buchs von Amos Oz erzählt bewegend von einem Jungen, der viel zu schnell erwachsen werden muss, von großen Träumen und Enttäuschung, von Ende und Neuanfang. Und davon, wie wichtig es ist, eine gemeinsame Sprache zu finden. Oscar®-Preisträgerin Natalie Portman (BLACK SWAN), die in Jerusalem geboren wurde, gibt mit der ergreifenden Verfilmung von Amos Oz‘ wichtigstem Buch ihr viel beachtetes Regiedebüt, das 2015 in Cannes Premiere feierte. Der Hollywoodstar hat den 800-Seiten-Roman selbst für die Leinwand adaptiert und brilliert als unglückliche Fania.

(Quelle: Koch Media)

Details

Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Hebräisch (Dolby Digital 5.1)
Bild: 16:9 – 2.35:1
Untertitel: Deutsch
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Koch Media GmbH – DVD
Erscheinungstermin: 23.03.2017
Produktionsjahr: 2015
Filmlänge: 94 Minuten

Copyright Cover: Koch Media



Über den Autor

Ivonne
Ivonne

„Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust.“ – Rosette Niederer