Review

Allerspätestens seit der Oscarverleihung 2010 muss der Name Kathryn Bigelow („Gefährliche Brandung“) jedem Cineasten zumindest ein Begriff sein. Schließlich war ihr hervorragendes Kriegsdrama „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ mit Jeremy Renner in der Hauptrolle seinerzeit nicht nur neun Mal für den Oscar nominiert worden, sondern konnte vor allem den prestigeträchtigen Goldjungen in der Kategorie „Bester Film“ absahnen. Nicht weniger als ein Ritterschlag, denn Bigelow war auch die erste Frau der Filmgeschichte, die den Oscar für die „Beste Regie“ erhielt. Pikanterweise konnte sie sich dabei gegen James Cameron („Terminator“, „Aliens – Die Rückkehr“ , „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“, „Titanic“), nicht nur einen der erfolgreichsten Regisseure aller Zeiten, sondern zufällig auch ihren Ex-Gatten, und seinen knapp 240 Millionen-Straßenfeger „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ durchsetzen, der aufgrund des damaligen Hypes um seine technische Brillanz sicherlich der Favorit des Abends war.

Bereits für „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ schrieb der ebenfalls Oscar-prämierte Mark Boal das Drehbuch. Es folgte eine weitere erfolgreiche Zusammenarbeit von Bigelow und Boal für den Action-Thriller „Zero Dark Thirty“ rund um die Suche nach Osama bin Laden und seine anschließende Tötung.
Frei nach dem Motto „Never change a winning team“ folgte eine dritte Kollaboration der beiden für den hier zu besprechenden knallharten Thriller „Detroit“.

Anlässlich des 50-jährigen „Jubiläums“ der sogenannten „Rassenunruhen in Detroit 1967“ widmet sich Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow diesem brisanten Kapitel der amerikanischen Geschichte und dem Zuschauer brennt die Aktualität des Filmes gerade jetzt in den Augen.

Im Sommer 1967 kommt es in Detroit zu einem Aufstand der schwarzen Bevölkerung. Die afroamerikanische Gemeinschaft lebt in der Innenstadt, die Weißen haben sich in die Randbezirke zurückgezogen. Diskriminierung, Rassismus und Willkür sind virulent. Eine Polizeirazzia in einer Bar ohne Ausschankgenehmigung bringt das Fass zum Überlaufen. Anschließend rollen gar Panzer durch die Straßen und nicht nur die örtliche Polizei mit einem Großaufgebot, sondern auch die Nationalgarde ist im Einsatz. Im Verlauf der ausufernden Aufstände und Unruhen sollen knapp 40 Menschen ihr Leben verlieren, etwa 1200 verletzt werden.

Bigelow zeichnet die Ereignisse zunächst langsam nach, bevor sich der Fokus auf die grausamen Geschehnisse im „Algiers Motel“ richtet und zuspitzt.
Die Polizei hat vermeintlich einen Heckenschützen aus dem Motel wahrgenommen, rückt mit einem Großaufgebot an und stürmt das Gebäude. In dem Motel halten sich lediglich afroamerikanische Männer (u.a. Algee Smith, Jason Mitchell, Anthony Mackie) und zwei weiße Frauen (Kaitlyn Dever, Hannah Murray) auf, die die Polizisten darüber aufklären, dass ein Gast lediglich eine Schreckschuss-Pistole abgefeuert hat. Das besänftigt die Gesetzeshüter unter der Führung des skrupellosen Weißen Philip Krauss (Will Poulter) jedoch keineswegs. Die Anwesenden müssen brachiale und gefühlskalte „Vernehmungstechniken“ über sich ergehen lassen, die sich zu einem lebensbedrohlichen Machtspiel wandeln. Außer den anwesenden Gästen wird auch noch der schwarze Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega) ungewollt in die Sache hineingezogen …

Kathryn Bigelow liefert mit ihrem neuesten Streich abermals ein fesselndes und unnachgiebiges Filmerlebnis ab. Mit schnellen Schnitten und einem fast dokumentarischen Kamera-Stil arbeitet sie und präsentiert solch drastische Intensität, dass es dem Publikum richtig an die Nieren geht. Das ist nichts für Zartbesaitete. Gerade die lange andauernde und ungemein intensive Verhörszene wird den einen oder anderen auf eine harte Probe stellen.

Bigelow macht es sich dabei – trotz einer natürlich klar verteilten Sympathie – nicht leicht und widersetzt sich den Regeln einer einfachen Erzählweise. Es gibt hier keinen schematischen bzw. typischen Spannungsaufbau, Sentimentalität, (zu Beginn) keine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren oder gar den moralischen Zeigefinger.

Will Poulter in der Rolle des rassistischen Cops Philip Krauss in „Detroit“ (Copyright: Concorde Home Entertainment)

Der Cast ist durchgehend gut aufgelegt und vermag absolut zu überzeugen. John Boyega („Star Wars: Das Erwachen der Macht“, unsere Review zu: „The Circle“) liefert die wohl beste und tiefste Leistung seiner (bisherigen) Karriere ab – auch, weil seine Figur hier mal ausreichend Futter bekommt. Besonderes Lob verdient jedoch der überraschend böse und stark aufspielende Will Poulter, den die meisten wohl eher aus der Komödie „Wir sind die Millers“ kennen. Dass er auch anders kann, hat er aber vor allem schon in „The Revenant – Der Rückkehrer“ gezeigt und brilliert hier nun als aggressiver und rassistischer Cop. In seiner Figur bündelt sich womöglich etwas zu sehr das geballte Böse, aber es gelingt ihm dennoch, ihr Glaubwürdigkeit zu verleihen und sie nicht nur wie einen Prototyp-Menschenfeind wirken zu lassen.

Es ist sicherlich denkbar, dass der eine oder andere Zuschauer „Detroit“ mit seinen 144 Minuten Laufzeit als phasenweise langatmig oder nicht stringent empfindet. Der Film ist aber fraglos wichtig, sehenswert, äußerst spannend und von seiner Thematik her alles andere als angestaubt. Denn Rassismus ist – gerade in den USA – sicher alles andere als überwunden.

Trailer

Inhalt

Der neue knallharte Thriller von Oscar®-Preisträgerin Kathryn Bigelow

Sommer 1967. Die USA werden von Unruhen heimgesucht. Unzufriedenheit und Wut eskalieren in den Großstädten, wo die afroamerikanische Gemeinschaft seit jeher mit systematischer Diskriminierung sowie hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Eines Abends während der Bürgerrechtsaufstände in Detroit werden von einem Motel Pistolenschüsse gemeldet. Die Polizei rückt mit einem Großaufgebot an. Statt sachlich zu ermitteln, kommt es zu einer von Vorurteilen und Gewalt geprägten Razzia. Die anwesenden Gäste müssen sich einem gefährlichen Verhör unterziehen. Ein lebensbedrohliches Machtspiel beginnt …

(Quelle: Concorde Home Entertainment)

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Details

Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1)
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Concorde Home Entertainment
Erscheinungstermin: 05.04.2018
Produktionsjahr: 2017
Spieldauer: 144 Minuten
Extras: Featurettes (Die Wahrheit von Detroit, Die Besetzung von Detroit, Die Invasion von Detroit, Die Hoffnung von Detroit, Damals und heute) / Musikvideo „Grow“ mit Algee Smith und Larry Reed / Bildergalerie / Deutscher und Original Kinotrailer

Copyright Cover: Concorde Home Entertainment



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Fabian
Fabian
Warum denn so ernst?