Review

1991 wurde in den Ötztaler Alpen eine Gletschermumie aus der späten Jungsteinzeit gefunden. Heute ist besagte gefriergetrocknete Mumie aus den Alpen weltweit unter dem liebevollen Spitznamen „Ötzi“ bekannt (Mann vom Tisenjoch, Der Mann aus dem Eis). Doch während es im Laufe der Jahre schon diverse Dokumentationen über den Ötzi gab, fehlte es bislang noch an einer Spielfilm-Umsetzung.

Wie ist der Ötzi vor knapp 5300 Jahren gestorben? Diese Frage nimmt sich Drehbuchautor und Regisseur Felix Randau („Northern Star“, „Die Anruferin“) zum Anlass, um in seinem Abenteuerfilm Der Mann aus dem Eis“ die fiktive Geschichte dieser Figur, die vermeintlich jeder kennt, zu erzählen. Dabei entwirft Randau eine zeitlose Geschichte über Verlust und Rache, die aufgrund ihrer Motive auch dem Western zuzuordnen ist.

Vor 5300 Jahren lebt Anführer Kelab („Ötzi“) (Jürgen Vogel) friedlich mit seiner Großfamilie an einem Bach in den Ötztaler Alpen. Als Kelab eines Tages zur Jagd aufbricht, wird in seiner Abwesenheit sein Dorf überfallen und die gesamte Sippe ermordet, darunter auch seine Frau (Susanne Wuest) und sein Sohn. Die drei Plünderer um deren Oberhaupt Krant (André Hennicke) hinterlassen nichts als Chaos und Verwüstung. Kelab muss aus der Ferne mit ansehen, wie das Dorf lichterloh niederbrennt. Schmerzverzerrt trägt Kelab seine Frau zu Grabe und schwört Rache. Das sorgende Oberhaupt wird zum rachsüchtigen Einzelgänger, ebenso verloren und heimatlos wie die von ihm erbittert gejagten Peiniger. Auf seiner beschwerlichen Reise geht jedoch nicht nur von anderen Menschen, sondern insbesondere von der Natur Gefahr aus …

In Randaus fiktivem Abenteuer aus prähistorischer Zeit wird ausschließlich in einer frühen rätischen Sprache gesprochen und nicht durch Untertitel übersetzt. Das erinnert etwa an Mel Gibsons Werke, wie „Die Passion Christi“ oder auch „Apocalypto“, in denen ebenfalls keine Synchronisation erfolgt ist. Die ursprüngliche Sprache kommt als – gerne verwendetes – Stilmittel zum Einsatz, wo man etwa Naturnähe, Urwüchsigkeit, die emotionale Kraft und vor allem Authentizität betonen möchte. Das funktioniert hier auch recht gut. Und obwohl die frühe Form der rätischen Sprache eher aus „Wortfetzen“ beziehungsweise Versatzstücken besteht, tut dies – wie von den Machern vor dem Beginn des Films versprochen – dem Verständnis keinen Abbruch. Eine Übersetzung ist für die recht klaren Geschehnisse nicht erforderlich, um die Geschichte zu verstehen.

Um beim Thema Authentizität zu bleiben: Nicht nur die Sprache sorgt für einen authentischen Eindruck, sondern auch der Umstand, dass der Film mitten rein in die Natur geht und unser Protagonist Kelab kilometerweit einfach querfeldein durch (scheinbar) unberührte Gegenden in den Bergen streift. Hier fördert der Regisseur mitunter überwältigende Naturaufnahmen zutage. Kleidung, Requisiten und Maske machen ebenfalls einen vortrefflichen Eindruck und formen ein stimmiges Gesamtbild.

Nicht nur rein optisch, sondern gerade auch thematisch kommt dem Zuschauer aber auch ein anderer großer Film aus jüngerer Vergangenheit als Vergleich in den Sinn: „The Revenant – Der Rückkehrer“ des genialen mexikanischen Regisseurs Alejandro G. Iñárritu. Nicht nur Jürgen Vogel, der seine Sache hier übrigens ausgesprochen gut macht, als zerzauster Waldschrat mit ungepflegtem Rauschebart erinnert an den für seine Rolle des Hugh Glass oscarprämierten Leo DiCaprio, sondern auch das Rache-Western-Thema findet sich hier.
Doch muss man bei dem Rache-Epos des Ötzi hier Abstriche gegenüber Iñárritus Werk machen. Der Survival-Thriller kommt nicht mit ebendieser brachialen Wucht daher, die das Publikum beinahe körperlich spüren kann und die bewirkt, dass es jederzeit mit dem Hauptdarsteller mitleidet, wenn er durch den Matsch oder das Eis robbt und auf Vergeltung und Genugtuung pocht.

Jürgen Vogel als Kelab in „Der Mann aus dem Eis“ (Copyright: Ascot Elite Home Entertainment)

Das schlägt sich auch in den kämpferischen Auseinandersetzungen und Gewaltdarstellungen nieder. Diese sind zwar mitunter deutlich und explizit, hätten aber noch deutlich ruppiger, rabiater geraten können, um das Publikum mehr zu fesseln. Gerade weil die Antagonisten insgesamt als Gegenspieler recht konturlos bleiben, hätten die Gewaltszenen dramatischer und packender inszeniert sein können. Die für eine doch recht überschaubare Rache-Geschichte so wichtige Emotionalität bleibt dadurch leider etwas auf der Strecke.

Erwähnenswert ist noch, dass der Zuschauer hier mal wieder Axel Stein nach seinem optischen Makeover zu sehen bekommt, der ja schon länger um einen Wandel seines Images bemüht ist. Außerdem sehen wir hier noch „Django“-Legende Franco Nero in einer Nebenrolle.

Trotz guter – oder vor allem im Falle Vogels gar inbrünstiger und leidenschaftlicher – schauspielerischer Leistungen und sehenswerter Landschaftsaufnahmen bleibt das spirituelle Abenteuer insgesamt ein wenig hinter seinen Möglichkeiten zurück. Wie schon in der Review zu „Fikkefuchs“ betont, ist es aber dennoch erfreulich, wenn ein – unter anderem – deutscher Film mal einen mutigen und eigenständigen Weg, abseits der typischen Krimis und Komödien, geht.

Die Blu-ray von der „Der Mann aus dem Eis“ kommt mit sattem Bonusmaterial wie Interviews, Making-of oder auch alternativem Ende daher und soll jedem empfohlen werden, der Lust auf einen opulenten Abenteuerfilm mit reichlich Schauwerten und einem idealbesetzten Jürgen Vogel hat.

Trailer

Inhalt

Vor 5300 Jahren in der Jungsteinzeit. Eine Großfamilie lebt friedlich an einem Bach in den Ötztaler Alpen. Ihrem Anführer Kelab (JÜRGEN VOGEL) obliegt es, den heiligen Schrein zu verwahren. Während Kelab auf der Jagd ist, wird seine Siedlung überfallen und die gesamte Sippe ermordet, darunter auch Kelabs Frau und sein Sohn. Auch das Heiligtum der Gemeinschaft wird geraubt. Getrieben von Schmerz und Wut hat Kelab nur noch ein Ziel – Vergeltung! Kelab folgt den Spuren der Täter. Auf seiner Odyssee durch das Gebirge ist er den Gefahren der Natur ausgesetzt. Ein tragischer Irrtum macht ihn selbst zum Gejagten. Schließlich steht Kelab nicht nur den Mördern seiner Familie, sondern auch sich selbst gegenüber. Wird er seinem Drang nach Rache nachgeben und selbst vom Opfer zum Täter? Oder gelingt es ihm, den ewigen Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen?

(Quelle: Ascot Elite)

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Details

Format: Widescreen
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 2.39:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungstermin: 18.05.2018
Produktionsjahr: 2017
Spieldauer: 96 Minuten
Extras: Making-of / Interviews / Alternatives Filmende / Aufnahmen Kampfproben / Am Set von DER MANN AUS DEM EIS / Deutscher Trailer

Copyright Cover: Ascot Elite Home Entertainment



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)