Review

Robert Schwentke

Der deutsche Filmregisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke hatte dereinst Probleme, seinen nächsten Film in Deutschland zu finanzieren. Daher verließ der Filmemacher die Heimat gen USA und Hollywood wurde schnell auf das deutsche Talent aufmerksam.

So übernahm Schwentke zunächst die Regie bei dem Thriller „Flightplan – Ohne jede Spur“ mit Jodie Foster als Hauptdarstellerin. Es folgten seine Regiearbeiten an „Die Frau des Zeitreisenden“, „R.E.D. – Älter, Härter, Besser“ oder auch „R.I.P.D.“, wo Schwentke mit Kalibern wie Eric Bana, Rachel McAdams, Bruce Willis, Morgan Freeman, John Malkovich, Helen Mirren, Ryan Reynolds oder auch dem legendären Jeff Bridges zusammenarbeiten konnte. Zuletzt war der Stuttgarter Regisseur mit den Hollywood-Produktionen der „Insurgent“-Filme befasst.

Nach seinen zahlreichen Hollywood-Erfahrungen kehrt Schwentke nun mit „Der Hauptmann“ in die Heimat zurück. In dem Film widmet er sich den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs und der Psyche der deutschen Soldaten.

Inhalt

Es sind die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Der junge Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) stolpert hungrig und allein durch die Wa­la­chei. Er ist auf der Flucht vor einer Gruppe betrunkener Landsleute, darunter auch der Hauptmann Junker (Alexander Fehling), dem er später erneut begegnen soll.

Max Hubacher spielt die Hauptrolle des deutschen Kriegsverbrechers Willi Herold in „Der Hauptmann“. (Copyright: Weltkino Filmverleih)

Auf seiner Flucht findet der junge Soldat nicht nur einen verlassenen Personenwagen, sondern vor allem eine Hauptmannsuniform. Der junge Gefreite streift die ranghohe Verkleidung und die damit verbundene Rolle über.

Noch bevor er sein künftiges (Über-)Leben großartig planen kann, trifft er auf den einsamen deutschen Soldaten Freytag (Milan Peschel). Ob jener versprengt oder desertiert ist – man weiß es nicht. Sichtlich erleichtert, sich mit dem vermeintlichen Hauptmann Herold wieder einem Befehlsgeber unterordnen zu dürfen, schließen sich die beiden kurzerhand zusammen. Herold gewöhnt sich dafür zügig den notwendigen Kommandoton an.

Schnell sammeln sich weitere versprengte Soldaten um die beiden, darunter vor allem der aufbrausende Kipinski (Frederick Lau). Die neu gegründete Kampftruppe begibt sich dann zu einem großen nationalsozialistischen Strafgefangenenlager, wo der skrupellose „Hauptmann“ endgültig die Kontrolle verliert …

Der biografische Hintergrund

Das ist eine neue Interpretation der Redewendung Kleider machen Leute“ oder der bösartige, düstere Nachfolger des humorvollen Lehrstücks Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann in der Titelrolle könnte man jetzt meinen. Es klingt womöglich zu skurril, um wahr zu sein. Und doch beruht „Der Hauptmann“ auf wahren Ereignissen.

Vorlage für den titelgebenden Hauptmann ist das Wirken des deutschen Kriegsverbrechers Willi Herold. Der damals 19-jährige Soldat fand eine Offizierskiste mit einer Hauptmannsuniform, mit der er sich als Offizier der Luftwaffe ausgab und ein Dutzend ebenfalls versprengter Soldaten um sich sammelte. Die Gruppe gelangte im April 1945 zum Lager II der Emslandlager, wo Herold dem Rausch der Macht verfiel, ein Schreckensregiment installierte und innerhalb von acht Tagen mehr als 100 Häftlinge hinrichten ließ oder auch eigenhändig ermordete. Diese Gräueltaten brachten Herold auch den unrühmlichen Titel „der Henker vom Emsland“ ein. 

Analyse

Gerade in der aktuellen Zeit kann man es leider angesichts der erschreckenden Ereignisse in Chemnitz, die Deutschland spürbar aufgewühlt haben, nicht genug betonen: Lehrstücke über den Nationalsozialismus sind immer noch richtig und wichtig. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ist nach wie vor konsequent fortzusetzen.

Allerdings beschränkt sich Robert Schwentke, der für den Film auch das Drehbuch verfasste, hier nicht auf die Aufarbeitung des NS-Unrechts. Er versucht – gerade gegen Ende – auch Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Außerdem widmet er sich ganz allgemein den Themen Befehlsketten und Machtmechanismen, insbesondere Macht und Machtmissbrauch in klaren hierarchischen Strukturen sowie blinder Obrigkeitshörigkeit und Untertanengeist, die den gesunden Menschenverstand mitunter verkümmern lassen können. Gerade diese Begriffe und Themen sind unabdingbar, um nur ansatzweise begreifen zu können, wie sich derartige Verbrechen wider die Menschlichkeit mehrfach ereignen konnten.

Dadurch, dass der Film aus der Täterperspektive erzählt ist, will Schwentke nicht nur Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zeigen. Der Zuschauer soll sich selbst fragen: Wie hätte ich gehandelt?

Kritik

Meines Erachtens hinkt das Vorhaben hier allerdings etwas, da der Soldat Herold zu keiner Zeit als eine echte Sympathiefigur taugt. Der Zuschauer wäre sicherlich noch mehr ins Grübeln geraten, wenn er erst später zu dem Protagonisten eine Distanz aufbauen würde und zunächst mit diesem unverwerflich sympathisieren dürfte. Zu schnell verfällt der Titelheld aber in die Rolle des skrupellosen Hauptmanns. Wäre es der Figur eine Weile nur ums Überleben und darum gegangen, authentisch eine Rolle zu spielen, wären die Identifikation des Publikums und der Gewissenskonflikt eindringlicher ausgefallen.

Gegen Ende versprüht der Film kurzzeitig sogar einen gewissen Clockwork Orange„-Charme, wenn der Zuschauer sieht, wie sich die Soldaten rücksichtslos Gewalt und Brutalität sowie der Dekadenz hingeben. Nebenbei hört man deutsche Volkslieder und Schlager aus der Zeit des Dritten Reichs. Dann hat das was vom passionierten Beethoven-Liebhaber Alexander DeLarge und seinen „Droogs“, wenn zu den lieblichsten Klängen der größte Irrsinn tobt.

Cast und Crew

Der Cast umfasst sowohl erfahrene Schauspieler als auch junge Darsteller, Nachwuchstalente und Shooting Stars.

So sehen wir hier in der Hauptrolle Max Hubacher (Schweizer Tatort) und in Nebenrollen insbesondere Milan Peschel („Männertag“, „Schlussmacher“), den aktuell besonders umtriebigen Frederick Lau („4 Blocks“, „Simpel“, „Victoria“) sowie „Inglourious Basterds“-Darsteller Alexander Fehling („Goethe!“, „13 Semester“).

Mit den genannten Darstellern ist der Film herausragend besetzt. Nachwuchstalent Max Hubacher glänzt in der Rolle des skrupellosen Hauptmanns Herold und verkauft dem Zuschauer die – zwar zügige – Verwandlung glaubwürdig und liefert eine intensive und vielschichtige Performance ab, mit der sich der Schweizer Schauspieler für weitere Aufgaben empfiehlt.

Frederick Lau spielt den Soldaten Kipinski (Copyright: Weltkino Filmverleih)

Besonders hervorzuheben sind ferner vor allem Frederick Lau, der als Soldat Kipinski aufspielt wie ein bissiger Kettenhund sowie Milan Peschel als loyaler Freytag. Diese schaffen es vor allem, eindringlich die Psychologie im deutschen Soldatentum zu verkörpern.

Ausgezeichnet

Zwar ist der Film vielfach ausgezeichnet und nominiert. Besondere Erwähnung soll aber noch der Kameramann Florian Ballhaus finden. Jener nutzt perfekt die Vielfalt der Schwarz-Weiß-Fotografie. Stilbewusst entwickelt Ballhaus eine außergewöhnliche und bildgewaltige Kamera-Ästhetik.

Die Entscheidung, den Film – beinahe durchgehend – in Schwarz-Weiß zu drehen, hat auch den Begleiteffekt, dass die Massaker etwas abgemildert werden und eine Freigabe FSK 16 bedenkenlos möglich ist.

Fazit

Eine intensive und packende Geschichte um die Psyche der deutschen Soldaten, die sich Filmfreunde nicht entgehen lassen sollten. Womöglich Schwentkes bester Film bisher.

DVD und Blu-ray zu „Der Hauptmann“ enthalten umfassendes Bonusmaterial, darunter eine unveröffentlichte Szene, Hinter den Kulissen, ein Storyboard-Film-Vergleich, ein Featurette, die Hörfilmfassung und ausführliche Interviews.

Trailer

Inhalt

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs findet der junge Gefreite Willi Herold auf der Flucht eine Hauptmannsuniform. Ohne zu überlegen, streift er die ranghohe Kleidung über und schlüpft in die damit verbundene Rolle. Schnell sammeln sich versprengte Soldaten um ihn – froh, wieder einen Befehlsgeber gefunden zu haben. Aus Angst, enttarnt zu werden, steigert sich Herold nach und nach in die Rolle des skrupellosen Hauptmanns hinein und verfällt dem Rausch der Macht.

Die auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte zeigt auf eindringliche Weise, wie selbst im Chaos der letzten Kriegstage etablierte Befehlsketten und Machtmechanismen funktionieren, und stellt den Zuschauer vor die Frage: Wie würde ich handeln?

Nach zahlreichen Hollywood-Erfolgen kehrt Robert Schwentke mit DER HAUPTMANN nach Deutschland zurück und blickt tief in menschliche Abgründe. Zu den grandiosen Darstellern zählen neben Nachwuchstalent Max Hubacher auch Frederick Lau, Milan Peschel und Alexander Fehling.

(Quelle: Universum Film)

Der Hauptmann – Homepage
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Details

Format: Widescreen
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.40:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Weltkino Filmverleih / Universum Film
Erscheinungstermin: 07.09.2018
Produktionsjahr: 2017
Spieldauer: 119 Minuten
Extras: Soundtrack-Video / Storyboard-Film-Vergleich / Hinter den Kulissen / Featurette / Unveröffentlichte Szene / Interviews

Copyright Cover: Weltkino Filmverleih



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)