Review

Die hübsche junge Frau Liz (Dakota Fanning; „Krieg der Welten“, „Push“) lebt mit ihrem deutlich älteren, aber sie aufrichtig liebenden Ehemann Eli (William Houston; „Kampf der Titanen“, „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“) in einem kleinen verschlafenen und beschaulichen Dorf, wo sie als Hebamme arbeitet. Ihr Ehemann ist ein älterer Witwer, mit dem sie eine gemeinsame Tochter hat und der bereits einen Sohn mit in die Ehe gebracht hat. Dass dieser Junge Liz nicht als Mutter akzeptieren will, scheint zunächst das größte Problem der stummen jungen Frau zu sein.

Das soll sich jedoch schlagartig ändern, als der diabolische Reverend (der großartige Guy Pearce; „L.A. Confidential“, „Memento“, „Iron Man 3“) sich in der Gemeinde niederlässt. Liz scheint mit dem Priester eine unheilvolle Vergangenheit zu teilen, doch bleiben zunächst sowohl ihre Familie als auch der Zuschauer im Dunkeln, was die Gründe für Liz‘ höllische Angst vor dem – vermeintlichen – Mann Gottes angeht.
Als ihre Familie eines Tages auf grauenhafte Weise terrorisiert wird, hat die junge Frau spätestens ihre Vergangenheit eingeholt. Nachdem zunächst sämtliche Schafe der Familie getötet werden, sollen sich noch erheblich einschneidendere Tragödien ereignen.
Erschüttert von den fürchterlichen und abscheulichen Vorfällen, die ihre kleine Familie bis ins Mark treffen, entschließt sich Liz kurzerhand ihre Heimat, ihre Vergangenheit und den Reverend endlich hinter sich zu lassen. Doch der von ihr besessene Prediger will nicht von ihr ablassen…

„Brimstone“ ist das englischsprachige Debüt des niederländischen Regisseurs Martin Koolhoven und das wird ganz sicher nicht sein letzter Ausflug auf die großen Leinwände der Welt mit einem namhaften Cast bleiben. Denn was Koolhoven hier abliefert, ist nicht weniger als packendes, mitreißendes Kino, das den Zuschauer zu keiner Zeit kalt lässt.

Die Inhaltsangabe lassen wir hier bewusst etwas kryptisch und offen, denn auch der virtuose Filmemacher entfaltet seine Geschichte und ihre Geheimnisse erst nach und nach und lüftet die Vergangenheit seiner Protagonistin.

Dabei unterteilt der Autorenfilmer seinen Western in vier – etwa gleich lange – Kapitel:

  1. Revelation (Offenbarung)
  2. Exodus
  3. Genesis und
  4. Retribution (Vergeltung)

Die christlich-religiöse Terminologie kommt dabei nicht von ungefähr, denn schließlich geht die Gefahr hier mit dem namenlosen Reverend von einem bitterbösen Priester aus. Während das erste und das letzte Kapitel die gegenwärtigen Ereignisse zeigen und chronologisch aufgebaut sind, wirken die mittleren Abschnitte als ausgiebige Flashbacks, in denen Koolhoven nach und nach die düstere Vergangenheit von Liz und ihrem Peiniger offenbart, nur um den Kreis der Geschichte im abschließenden vierten Kapitel angemessen zu schließen.

Die junge Liz (Dakota Fanning; r.) in „Brimstone“ (Copyright: Koch Media)

In Rückblicken wird der Zuschauer erst häppchenweise mit den Hintergründen und den grausamen Ereignissen aus Liz‘ Leben konfrontiert, insbesondere Pädophilie und Inzest werden hier thematisiert. Weitere Kernthemen und Motive des Films sind darüber hinaus verquere beziehungsweise pervertierte Vorstellungen von Religion, um das eigene Handeln zu rechtfertigen, Gewalt – psychisch-mental wie auch physisch – sowie die allgegenwärtige Unterdrückung der Frau.

Vielerorts wird „Brimstone“ zwar einfach als Western eingestuft, vielmehr handelt es sich jedoch nicht um einen klassischen, sondern um einen Anti-Western. Dies zeigt sich am Einsatz dafür typischer Motive, wie der hervorgehobenen und stärkeren Rolle der Frauen, die im klassischen Western allenfalls Randfiguren waren, der – fast schon überspitzt – kritischen Haltung gegenüber den männlichen Figuren, der exzessiven und expliziten naturalistischen Darstellung von Gewalt sowie den – bereits angedeuteten – Aspekten Pädophilie und Inzest.

Das Hauptthema des Films ist dabei zweifellos die Rolle der Frauen und insbesondere der Heldin Liz in einer erbarmungslosen patriarchalischen Welt. Koolhoven präsentiert einen kollektiven Amoklauf gewalttätiger, schlechter, bestialischer Männer, die sich gegenseitig abschlachten und vor allem die wehr- und schutzlosen Frauen unterdrücken. Diese gewalttätige patriarchalische Welt, in die Liz schon hineingeboren und von ihr geformt wurde, ist eine solche, gegen die die willensstarke Frau aufbegehrt.
Ein fesselnder Kampf, der den Zuschauer von vorne bis hinten packt und ihm einiges abverlangt, denn „Brimstone“ ist nichts für Zartbesaitete. Die allzu naturalistische Darstellung von Gewalt und Verbrechen dürfte den einen oder anderen Zuschauer an seine Grenzen treiben.

Der Kernkonflikt in dieser epischen Erzählung rund um ein patriarchalisches Gesellschaftssystem kann aber auch als Anker für Kritik herhalten. Die fast durchgehend strikte Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren ist sicherlich etwas überstrapaziert: Während die Männer – abgesehen von abzählbaren Ausnahmen – miese, fiese Schweine sind, sind die Frauen durchwegs reine, unschuldige Geschöpfe, die allenfalls von den Männern zur Sünde getrieben werden. Das ist nicht eben subtil.

Ein weiterer Grund dafür, warum der Film von Martin Koolhoven aber derart gut funktioniert und fesselt, ist in dem hervorragenden Cast zu erblicken. In Nebenrollen glänzen etwa die Game of Thrones“-Stars „Melisandre“ Carice van Houten und „Jon Schnee“ Kit Harington. Ein besonderer Glücksfall sind jedoch die Hauptdarsteller Dakota Fanning und Guy Pearce, wobei vor allem Erstere wohl nur an Bord ist, da die ursprünglich vorgesehene Mia Wasikowska abgesprungen ist.

Der diabolische Reverend (Guy Pearce) in „Brimstone“ (Copyright: Koch Media)

Fanning gibt glaubhaft das gezeichnete Opfer, aber auch die starke Kämpferin und bietet eine ausgiebige Palette an Emotionen. Lediglich ihr überragender, derart wandlungsfähiger Counterpart Guy Pearce vermag der jungen Darstellerin die Show zu stehlen. Wenn der unberechenbare Reverend auftritt, packt er den Zuschauer sofort und lässt ihn nicht mehr los. Die bedrohliche Stimmung, die den Film durchzieht, verdankt sie zu einem Großteil einem intensiv und leidenschaftlich aufspielenden Pearce, der seine beste Performance seit Langem abliefert.

Trotz seiner knapp zweieinhalb Stunden Spieldauer weist „Brimstone“ keinerlei spürbare Längen auf und hält konstant ein hohes Niveau. Dabei geht der grimmige, drastische Film dem Publikum so richtig an die Nieren.

Klare Empfehlung!

Trailer

Inhalt

Ende des 19. Jahrhunderts im amerikanischen Westen: Die junge Liz (Dakota Fanning) hat einen älteren Witwer geheiratet, kümmert sich um ihre zwei Kinder und arbeitet als Hebamme. Das harte aber friedliche Leben endet für die stumme Frau und ihre Familie jedoch, als sich ein diabolischer Priester (Guy Pearce) in der Gemeinde niederlässt. Nach mehreren brutalen und geheimnisvollen Vorfällen entschließt sich Liz zur Flucht. Doch das personifizierte Böse lässt sich so leicht nicht abschütteln. So entfaltet sich eine gnadenlose Geschichte über Schuld, Vergeltung und den unfassbaren Mut einer willensstarken Frau im Kampf um ihr Leben und das ihrer Familie …

(Quelle: Koch Media)

Details

Format: Widescreen
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Koch Media GmbH
Erscheinungstermin: 07.06.2018
Produktionsjahr: 2016
Spieldauer: 148 Minuten
Extras: Kinotrailer / Interviews mit Cast & Crew

Copyright Cover: Koch Media



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)