Review

Zuerst einmal: Nein, in der Graphic Novel „Undertaker“ geht es nicht um Wrestling. Es geht um Jonas Crow. Und Jonas Crow ist ein Arsch. Ein Typ, dem man lieber aus dem Weg geht, denn er ist unfreundlich, starrköpfig und eigenbrötlerisch. Wie passend für einen „Undertaker“ – also einen Leichenbestatter. Und das teilt er dem Leser auf Seite 1 auch direkt mit:

„Die Leute mögen uns nicht. Manche sagen, es sei, weil wir unsere Zeit mit Leichen verbringen. Und wir den Tod verbreiten wie andere die Pocken. Scheinbar riechen wir auch schlecht und bringen Unglück. Wer weiß, wo sie das herhaben! Tatsache ist, dass die Leute uns nicht mögen. Und das ist gut so. Ich mag sie nämlich auch nicht.“

All das trifft – so oder so ähnlich zumindest – auch auf diesen mürrischen Protagonisten zu. Dass es im Zweifelsfall aber doch anders kommt, wollen Ralph Meyer und Xavier Dorison in „Untertaker Band 1: Der Goldfresser“ beweisen.

Doch der Reihe nach. Im 19. Jahrhundert liegt der Westen Amerikas im Goldrausch, für viele aber bleibt der Reichtum aus. Auch Mr. Undertaker persönlich muss sehen, wo er bleibt, so schwingt er sich mit einem verletzten Geier als Schoßtierchen auf seinen Wagen und lenkt die Gäule nach Anoki, einer Goldgräberstadt, um einen Mr. Cusco zu bestatten. Doch als er nach seinem Auftraggeber fragt, steht dieser quicklebendig vor ihm! Weder Crow noch die Goldgräber der Stadt, die in Cuscos Minen schuften, ja nicht einmal die Haushälterin Lin wissen von Cuscos Plan, sich mit seinem Gold bestatten zu lassen. Nur die junge und hübsche Buchhalterin Miss Prairie hat das richtige Testament gelesen und weiß, warum die Leiche unangetastet in ihrem Grab in 50 Meilen Entfernung landen muss … Und während der fette Cusco sich noch an seinem Gold berauscht, zeigt Crow, dass der Teufel in der Not sogar Fliegen – oder besser Steak – frisst, vor allem, wenn er im Gegenzug noch etwas Gutes tun kann.

Nicht beliebt und doch sympathisch: Undertaker Jonas Crow (Copyright: Splitter Verlag)

Nicht beliebt und doch sympathisch: Undertaker Jonas Crow (Copyright: Splitter Verlag)

Der Leichenbestatter, der zunächst nur als harter Hund auftritt, erhält so nach und nach einen angenehm facettenreichen Charakter. Als dann noch der mysteriöse Hintergrund des Protagonisten angedeutet wird, beweist Autor Xavier Dorison, dass er nicht nur als Abenteuerschreiberling, sondern auch als Charakterentwickler einiges an Talent mitbringt. Und dabei kommt es ganz eindeutig nicht darauf an, ob er sich, wie bei bisherigen Veröffentlichungen beim Splitter Verlag, im Sci-Fi-Dschungel oder im Wilden Westen austobt.

Dass der Spannungsbogen hoch und der Leser bei der Stange bleibt, ist aber nicht allein sein Verdienst. Maßgeblich tragen dazu auch die stimmungsvollen Zeichnungen bei. Dafür hat sich Dorison als erfahrenen Partner wieder Ralph Meyer ins Boot geholt. Dessen Bilder bestechen mit schnörkelloser Klarheit und ungeschönten Charakteren, die der Erzählung ganz besondere Authentizität verleihen.

Jonas Crow ist bei seinen Mitmenschen vielleicht nicht besonders beliebt, doch dem Leser ist der Typ irgendwie sympathisch. Schließlich steht er jenseits von Gut und Böse und jenseits von verstaubten Westernstereotypen. Und am Ende der knappen 56 Seiten ist eins klar: Eigentlich war das nur Vorgeplänkel. Es soll bitte in die Vollen gehen!

Inhalt

Jonas Crow, so sein offizieller Name, ist ein „Undertaker“, ein Leichenbestatter. Auf seinem Leichenwagen bereist er all jene dunklen Orte, wo seine Dienste gebraucht werden. Eines Tages wird er nach Anoki City gerufen, zu einem gewissen Cusco, dem reichen Besitzer einer Goldmine, der ihn darum bittet, sich um seine Bestattung zu kümmern – die für den nächsten Tag vorgesehen ist! Jonas Crow soll Cuscos Leiche überführen, der seinen Selbstmord plant und zuvor seine kostbaren Goldnuggets verschlucken will! Es beginnt eine dramatische Reise …

Ein blutiger Western des berühmten Künstlerduos Xavier Dorison und Ralph Meyer!

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Xavier Dorison (Autor):
Nach drei Jahren Wirtschaftsstudium an der Eliteschule Ecole de Commerce arbeitet Xavier Dorison bei Barclays Corp. In seiner Freizeit schreibt er die Comicserien „Das Dritte Testament“ (bei Glénat), „Prophet“ und „Sanctuaire“ (beide bei Les Humanoïdes Associés). […]
Die Vorbilder Dorisons sind Stephen King, Michael Crichton und Jean Van Hamme. Vor kurzem hat er die Gesellschaft Script Company gegründet, eine Tochterfirma der Videospielschmiede Dark Works, die sich auf das Schreiben von Szenarios spezialisiert hat.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Ralph Meyer (Zeichner):
Französischer Künstler, bekannt für seine Thriller und Detective-Comics „Berceuse Assassine“ und „XIII: Mystery“.

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 01.05.2015
Seitenzahl: 56
ISBN: 978-3-95839-127-7
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer