Review

Am 29. März kommt hierzulande The Death of Stalin des „The Thick Of It“- und „Veep – Die Vizepräsidentin“-Regisseurs Armando Iannucci in die Kinos. Der britische Komiker, Regisseur und Film- und Fernsehproduzent, der sich fürs Fernsehen schon über die britische und amerikanische Machtklasse belustigte, nimmt sich nun die russische Geschichte zur Brust und versprüht dabei wohl wieder seinen tiefschwarzen Humor. In Russland ist man allerdings ob der „Entehrung“ Stalins nicht sonderlich amüsiert und hat dem Film prompt die Lizenz entzogen. Wenn man aber sieht, dass der Film immerhin mit dem grandiosen Steve Buscemi („Miller’s Crossing“, „Barton Fink“, „Reservoir Dogs – Wilde Hunde“, „Boardwalk Empire“) sowie etwa Jeffrey Tambor („Hellboy“), Jason Isaacs (Lucius Malfoy in der Harry PotterFilmreihe) und Olga Kurylenko („James Bond 007: Ein Quantum Trost“) aufwarten kann, dürfte er andernorts dennoch sein Publikum finden.

Hier wollen wir uns aber erst einmal der Comic-Vorlage zum Film widmen, die beim Splitter-Verlag erscheint und – wie immer – als prächtiges überformatiges Hardcover bestens zu gefallen weiß. Schöpfer der bitterbösen Politsatire um den Tod Stalins, ehemaliger Diktator der Sowjetunion (1927–1953), sind Autor Fabien Nury und Zeichner Thierry Robin. Dabei hatte Robin zunächst noch größere Pläne und begann im Jahre 2008 mit der Arbeit an einer Biografie Stalins in Comicform, angetrieben von einer – wie er sagt – seltsamen Begeisterung für das Thema. Als er merkte, dass das Projekt zu groß für ihn war, konnte ihn Nury mit seinem Skript über den Tod des Diktators überzeugen. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit liegt uns hier vor.

Von Interesse ist womöglich noch der Hinweis der Künstler zu Beginn der Ausgabe:

„Obwohl von realen Begebenheiten inspiriert,

erzählt dieses Buch doch eine fiktive Geschichte,

frei konstruiert aus dokumentarischen Fragmenten,

zuweilen parteiisch und oft widersprüchlich.

Die Autoren möchten allerdings klarstellen, dass sie ihre Fantasie

kaum haben bedienen müssen, da sie sich nur schwer etwas hätten

ausdenken können, das dem irrsinnigen Wüten Stalins

und seiner Umgebung vergleichbar gewesen wäre.“

Inhaltlich lässt sich das Werk wie folgt kurz rekapitulieren:

2. März 1953: Stalin liegt im Sterben. Kurz zuvor hat er noch den Brief einer Frau gelesen, die ihm seine Sünden gegenüber Volk und Nation vorgeworfen hatte. Gefunden wird er auf dem Fußboden liegend in einer Lache seiner Pisse, wie es Nikita Chruschtschow, Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU, sehr plastisch feststellt. Wenigstens in ein Bett will man den mächtigen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion doch noch verfrachten.

Und noch während Stalin in seinem Todeskampf ringt, beginnt schon das Rennen um seine Nachfolge. Insbesondere die Herren des Zentralkomitees der KPdSU erheben Ansprüche. Dabei kommt es nicht nur zu Intrigen und abgekarteten Machtspielen, man lässt auch auf die Massen schießen …

Leseprobe aus „The Death of Stalin“ (Copyright: Splitter-Verlag)

Wer nicht in besonderem Maße geschichts- oder weltkundig ist, der wird hier in jedem Fall mit allerhand Namen der russischen Geschichte konfrontiert. Darauf sollte man sich durchaus einstellen, da man sonst womöglich schnell den Faden verliert. Fabien Nury schafft es aber, jedem Charakter genügend Zeit einzuräumen und sie mit individuellen Facetten auszustatten. Eine Sympathieperson sucht man hier allerdings vergeblich. Alle Beteiligten haben Dreck am Stecken und sind nur auf ihren eigenen Vorteil aus. Besonders deutlich wird das zu Beginn, wenn es schon Ewigkeiten dauert, bis ein Arzt für Stalin gerufen wird.

Ein Wermutstropfen ist, dass „The Death of Stalin“ nicht derart humorvoll ist, wie der Trailer des Filmes es nahelegt. So gibt es hier zwar unterschwelligen Humor, der gelegentlich auch lustig ist, aber insgesamt ist die Story eher düster und der Kampf um die Nachfolge bitterböse – einen wirklichen comic relief sucht man vergeblich.

Thierry Robin liefert allerdings ein Artwork ab, das den Kauf schon für sich genommen rechtfertigen kann. Seine detailreichen Bilder sind absolut sehenswert.

Daneben gibt es auch noch üppiges Bonusmaterial, das vor allem ein Nachwort, eine Auswahl unveröffentlichter Bildseiten, vorbereitender Skizzen und Charakterstudien umfasst. Das kann sich – wie so oft beim Splitter-Verlag – wirklich sehen lassen.

Wer seine Erwartungen hinsichtlich des Humors herunterschraubt und an diesem speziellen Machtkampf interessiert ist, darf ohne Zögern zugreifen, denn rein visuell ist der Band eine Augenweide.

Trailer

Inhalt

Josef Wissarionowitsch Stalin, Erbe der Mission Lenins und väterlicher Führer des Sowjetvolkes, erleidet am 2. März 1953 einen Schlaganfall. Zwei Tage später wird er für tot erklärt. In diesen zwei Tagen liefern sich die Mitglieder des kommunistischen Zentralkomitees hinter den Kulissen einen erbitterten Kampf um seine Nachfolge und die Machthabe in der UdSSR, in dem die volle Absurdität des totalitären Regimes ans Licht kommt.

Fabien Nury (»Es war einmal in Frankreich«) spinnt eine bitterböse Politsatire um den Tod Stalins und das anschließende groteske Gerangel machtgieriger Funktionäre. Und Thierry Robins (»China Rot«) Zeichnungen geben ihr den passend schrägen Strich. Das Schrägste ist jedoch, dass alles wirklich so passiert ist.

Die Graphic-Novel-Vorlage zum Film mit Steve Buscemi, Jason Isaacs und Jeffrey Tambor – rechtzeitig zum Kinostart am 29. März 2018!

(Quelle: Splitter-Verlag)

Autor & Zeichner

Fabien Nury (*31. Mai 1967)
ist einer der aktuell erfolgreichsten Szenaristen Frankreichs. Sein wichtigstes Werk ist die sechsbändige Reihe »Es war einmal in Frankreich«, die er zusammen mit Sylvain Vallée schuf. Nury ist in praktisch allen Genres zuhause, und weitere bekannte Werke sind »XIII Mystery« und »Silay Corey«. Er wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit einer Ausstellung zu seinen Ehren auf dem Festival von Angoulême 2015.

(Quelle: Splitter Verlag)

Thierry Robin (* 30. September 1958 in Damery, Frankreich)
Sein erstes Album veröffentlichte Robin 1990 und fand damit im Rahmen des Festivals in Angoulême sofort großen Anklang. Das öffnete ihm die Türen zum Verlag Delcourt, wo er die Serie »China Rot« zeichnete. Robin zeichnet die Weihnachtsbriefmarken für die französische Post und hat großen Erfolg durch seine Zusammenarbeit mit Fabien Nury bei »The Death of Stalin« und »Mort au Tsar«.

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 25.02.2018
Seitenzahl: 144 inkl. Bonusmaterial
ISBN: 978-3-96219-171-9
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)