Review

Wenn man den Manga „Poison City“ im Regal stehen sieht, unabhängig davon, ob einem der Name Tetsuya Tsutsui ein Begriff ist, würde man doch im besten Fall von einem postapokalyptischen Szenario ausgehen, oder? Wahrscheinlich wieder irgendetwas mit Zombies.
Dabei sollte man keinem vorwerfen, er habe keinen Blick auf die Rückseite geworfen, um eine grobe Zusammenfassung der Story zu bekommen. Allein das Cover ist schon ausdrucksstark genug. Wer aber den Namen Tetsuya Tsutsui bemerkt, dem wird vielleicht nicht nur direkt der Manga „Manhole“ ins Gedächtnis kommen, sondern er wird auch wahrscheinlich voller Vorfreude zugreifen. „Poison City“ hat allerdings storytechnisch kaum etwas mit dem genannten Werk gemein.

Bereits in seinem letzten Manga „Prophecy“ griff Tetsuya Tsutsui sowohl moralische als auch politische Themen auf. Doch in „Poison City“ widmet er sich weniger einer Gruppierung von Individuen, sondern vielmehr einem ganzen gesellschaftlichen System.

Mangazeichner ist in Japan ein gängiger Job und Traum vieler Jugendlicher, so auch von Protagonist Mikio Hibino. Dennoch scheint sein Manga „Dark Walker“ nie die Popularität zu finden, die er verdient hätte. Und Schuld daran ist einzig die verschärfte Zensur innerhalb Japans.

„Poison City“ ist hier sowohl eine Metapher für die derzeitige Situation im Bereich Kunst und Meinungsfreiheit in Japan, als auch der interne Gedanke von Hibinos Manga.
Man muss dazu sagen, dass die ersten Seiten von „Poison City“ mit Hibinos Manga beginnen und dann ein abrupter Umbruch zum Gespräch mit ihm und einem Redakteur stattfindet, was den Leser zu Beginn sofort überrascht. Jedoch verfällt der Autor danach in einen wirklich langatmigen Erzählstil. Daran ist vor allem die Umsetzung des Grundgedanken von „Poison City“ schuld.

Zensur und Meinungsfreiheit sind wichtige Themen, die die meisten Leser tangieren werden; sei es als kreativ Schaffende oder Konsumenten diverser Medien. Doch hier wirken diese Themen nicht annähernd so dramatisch, wie sie es sollten. Klar werden flächenmäßig Magazine verboten und Werbung von den Tafeln genommen, aber trotz des Jahres 2020 kommt man als Leser nicht darum herum, sich zu denken: „Das haben wir hinter uns gelassen.“

Es gibt nicht annähernd neue Ansätze, die nicht schon in der realen Gegenwart besprochen wurden. Alles wirkt sehr wenig durchdacht, kindisch und engstirnig abgehandelt. Als Leser kommt man einfach nicht in die Story hinein. Und wenn das Fundament erst einmal bröckelt …

Besonders wenn man auf einmal lieber den Manga „Dark Stalker“ lesen möchte, dessen Ausschnitte immer wieder mal auftauchen. Der Einsatz dieser Seiten ist allerdings ein sehr frischer Aufbau für den Manga und bringt etwas mehr Tiefe in die Story. Aber wie schon erwähnt, sollte so etwas nicht interessanter als die eigentliche Story sein.

Tetsuya Tsutsui (Copyright: Laurent Koffel)

Auch was die Charaktere angeht, scheint der Autor sich nie wirklich weiterzuentwickeln. Immer noch gibt es dieses dynamische Duo-Verhältnis zwischen den Hauptfiguren; immer aus verschiedenen Welten und mit den gleichen vorhersehbaren Standpunkten. Obwohl Tsutsui zwischendurch damit etwas ausschweift, geht es auch hier nie weiter in die Tiefe.

Wenn man sich schon nicht in den Texten verlieren will oder kann, sollte man es mit den Zeichnungen versuchen. Tetsuya Tsutsuis visuelle Darstellungen sind fantastisch. Jedes einzelne Panel bringt Freude und Dynamik. Besonders wenn es zu den expliziten Szenen in dem Manga des Protagonisten kommt, wünscht man sich nur noch mehr, dass man hier den Horror- oder Gore-Weg eingeschlagen hätte.

Es steckt sicherlich mehr hinter Tsutsuis Idee und bestimmt auch eine eigene Intentionen, aber es mangelt an der Umsetzung. Die Story dümpelt vor sich hin und steuert nie auf einen nennenswerten Höhepunkt zu.
Wenn ihr einen Manga über die Karriere eines Mangakas wollt, lest „Bakuman.“ und für etwas tiefere politische Action schaut euch „Ghost In The Shell“ an. Alle anderen sollten eventuell bei Tetsuya Tsutsuis letzten Reihen wie „Prophecy“ vorbeischauen bzw. für den Schock-Fakor definitiv zu „Manhole“ greifen. Schade nur um die ausgezeichnete Optik hier.

Handlung

Der neue Thriller von Tetsuya Tsutsui!
Die zweibändige Geschichte spielt 2019 in Tokyo. Im Vorfeld der Olympischen Spiele bricht sich der Puritanismus Bahn: bei Säuberungsaktionen wird vermeintlich Anstößiges aus dem Stadtbild eliminiert, und das gesellschaftliche Klima wird immer angespannter. Zeitgleich muss ein junger Nachwuchszeichner zusehen, wie sein Horror-Manga vom Markt genommen wird, weil er bestimmten Personen ein Dorn im Auge ist …

Eine spannende, realitätsnahe Story, in dem Tsutsui die Themen Zensur und Meinungsfreiheit – und sogar die historische Comic-Hatz der 50er- und 60er-Jahre in den USA – in einen sehr glaubwürdigen Reality-Thriller verpackt. Im Anhang erläutert Tsutsui dabei auch seine persönliche Motivation hinter der Entstehung dieser Geschichte.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Autor

Tetsuya Tsutsui ist ein japanischer Mangaka.
Als freier Schriftsteller veröffentlichte er die meisten seiner Werke auf seiner Homepage. Im Jahr 2012 veröffentlicht der japanische Verlag Shūeisha sein Manga „Prophecy“.

(Quelle: Wikipedia)

Tetsuya Tsutsui – Homepage

Details

Format: Taschenbuch
Veröffentlichung: 20.12.2016
Seitenzahl: 244
ISBN: 978-3-551-71477-0
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Christopher