Review

Schon zum 12. Mal hilft das „Pfingstgeflüster“ den Besuchern des Wave Gotik Treffens über den WGT-Blues hinweg, denn Marcus Rietzsch und sein Team haben wieder Impressionen, Gedanken und Bilder zu einem schwarz-bunten Potpourri namens „Pfingstgeflüster“ zusammengestellt.

Doch bevor das Festival resümiert wird, steht Rietzsch eine schwere Aufgabe bevor. Kollegin, Freundin, Mitbegründerin des Pfingstgeflüsters Edith Oxenbauer ist im April dieses Jahres gestorben. Der Nachruf zeigt einige Aspekte ihres Lebens, vor allem aber das besondere Band, das die beiden verband. Ohne sie hätte es wohl das Pfingstgeflüster so nicht gegeben – von daher: Danke, Edith. Und auch danke, für deinen „Mittagstraum“, in dem du uns einen besonderen Blick auf die Peterskirche durch deine Augen gewährst.

So unkonventionell, so unprätentiös wie Rietzsch seine Kollegin porträtiert, geht es dann auch im normalen Betrieb weiter. Da wäre zum Beispiel direkt im Anschluss an den Nachruf ein Eindruck von Mike Reichel von Box and the Twins, die 2017 ihren ersten WGT-Auftritt absolvierten. Der Spirit, den jeder Festivalbesucher wohl nachempfinden kann und der mit einem „Leipzig, wir werden uns wiedersehen!“ bestens getroffen wird. Weitere musikalische Highlights folgen schließlich weiter hinten im Pfingstgeflüster. Und wieder zeigen die Fotografen verschiedene Facetten der musikalischen Darbietungen und der Bühnenfotografie. Kann sich sehen lassen!

Nicht nur musikalisch ist das WGT ein Highlight. Vorträge, Ausstellungen, Wissen, Kunst. Da wäre beispielsweise ein Beitrag über den „Durst nach Blut“, der im Leipziger Naturkundemuseum vom Schemenkabinett referiert wurde und nun in geschriebener Form nachgelesen werden kann. Oder die Berichte über Ausstellungen, die Erinnerungen an Gesehenes wachrufen.

Mal wieder – und hier wiederhole ich mich ganz bewusst – sind Highlight und schwarzes Herz des Festivals und dieser Retrospektive aber die Besucher. Und wieder hat Rietzsch ihnen ein umfangreiches Forum zur Verfügung gestellt. Was besonders bei den Fotos auffällt: Trotz aller Vielfalt dominiert ein gewisses Oldschool-Flair. Viele der gezeigten Besucher scheinen frisch den 80ern entsprungen zu sein. Vielleicht doch ein modischer Trend innerhalb der Szene? Von Beliebtheit lässt sich zumindest sprechen, denke ich.

Ebenfalls beliebt ist seit einigen Jahren Steampunk. Katja Angenent zeigt mit ihrem Bericht „Das Träumen wieder lernen: Steampunk beim WGT“ einen kleinen Einblick in diese Subszene und die kostenlose Ausstellung „Machina Nostalgica“, die über Pfingsten im Leipziger Hauptbahnhof gastierte.

Am Ende stellt Markus Nikolaus Büttner von Lea Porcelain noch die Frage, warum nicht jeden Tag WGT sei. Eine Antwort findet auch er nicht, nur das Gefühl von Wehmut, gepaart mit Begeisterung über den Biosphärencharakter des Stadtfestivals.

Marcus Rietzsch (Copyright: Marcus Rietzsch)

Bleibt schließlich noch die Grufti Glosse von Christian von Aster. Für ein kleines Schmunzeln (ganz im Sinne seines „Fun for the Finster“) fantasiert er eine szenegerechte Spaßbewegung zusammen, der sogar stereotypenbewusste Spaßbremsen positive Energien entladen könnten. Herr von Aster, ich glaube, die Idee verdient wahrlich einen zweiten Gedanken!

In der Gruppe, dem Spaß und der Vielfalt liegt die Kraft. Mit einer Prise Düsternis versteht sich. So wird es in den Beiträgen skizziert. Damit spiegelt auch das diesjährige Pfingstgeflüster die verschiedenen Ebenen des Schwarz‘, die für das WGT und Leipzig so charakteristisch sind. Schließlich steckt in jedem Rückblick, in jedem Schmerz des Vergangenen auch ein kleines Stückchen Freude, Erinnerungen; und auch nächstes Jahr können wir wieder die schwarze Seele in Leipzig baumeln lassen.

Video

Inhalt

Beiträge von Mike Reichel (Box And The Twins), Suzi Sabotage (Masquerade und Virgin In Veil), Markus Nikolaus Büttner (Lea Porcelain) und Tobias Grave (Soft Kill). Traditionell enthalten: die „Gruftiglosse“ von Christian von Aster. Zu lesen sind Texte der folgenden im Rahmen des WGT aufgetretenen Autoren: Thomas Manegold, Norman Liebold, Oswald Henke und Klaus Märkert. Vorgestellt werden die bildenden Künstler Laetitia Mantis, Luise Läßig (Certa Sculptura) und Steve Bauer (Skullpell Artwork). Peter Matzke begibt sich auf die Suche nach dem Geist der Bewegung. Weitere interessante Themen: die Besucher – Maskenball ohne Verkleidung, fotografische Treffenimpressionen, Durst nach Blut, zur Geschichte des Westflügels, Steampunk beim WGT, Schädelkulte der Welt und die Peterskirche.

(Quelle: T-Arts / Edition Subkultur)

Herausgeber

Mitte der 1990er Jahre hat Marcus Rietzsch seine große Leidenschaft für die Fotografie entdeckt. Neben Porträt-, Akt- und Landschaftsaufnahmen zählen auch Friedhofsimpressionen zu den Motiven des 1972 geborenen Künstlers. Beeindruckt vom besonderen Flair dieser stillen Orte versammelte er im Jahr 2008 zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien in dem Bildband „Wenn wir nie träumten…“.
Ebenso spiegeln diverse Aufnahmen, welche in und um leerstehende, verlassene und teils in Vergessenheit geratene Gebäude entstanden sind, sein Faible für die eher ruhigen Plätze wider. Zunehmend widmet sich der selbständige Mediengestalter fotografischen Inszenierungen mit teilweise kritischen Inhalten.
Außerdem ist Marcus Rietzsch Initiator des einmal jährlich erscheinenden Magazins „Pfingstgeflüster“, dass Impressionen, Konzertfotografien und Texte ganz im Zeichen des Wave Gotik Treffens zu Leipzig vereint.

Marcus Rietzsch – Homepage

(Quelle: Edition Subkultur)

Details

Pfingstgeflüster – Homepage
Pfingstgeflüster – Facebook

Format: DIN A4
Vö-Datum: 28.07.2017
Seitenzahl: 92
ISBN: 978-3943412819
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: T-Arts / Edition Subkultur

Copyright Cover: T-Arts / Edition Subkultur



Über den Autor

Ivonne
Ivonne

„Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust.“ – Rosette Niederer