Review

Die herausstechende Eigenschaft eines Jugendromans ist sicher, dass die Protagonisten Jugendliche sind. Dazu ist die Handlung meist nicht zu komplex, der Fokus liegt auf den Beziehungen zwischen den Protagonisten. Diese Kriterien erfüllt „The Cage ‑ Entführt“ von Megan Shepherd. Warum man diese Zielgruppe dennoch in Zweifel ziehen kann, klären wir jetzt.

Zunächst beginnt die Geschichte bei Cora. Cora ist ein amerikanischer Teenager, der mehr oder weniger unverschuldet im Gefängnis war; als Senatorentochter ein ziemlicher Knick im Lebenslauf. Doch darüber muss sie sich vorerst keine Gedanken mehr machen, als sie völlig desorientiert in einer Wüste erwacht. Fremde Klamotten am Leib, alles persönliche Hab und Gut verloren. Mühsam kämpft sie sich voran, bis sie plötzlich weitere Vegetationszonen entdeckt. Tundra, neben der Wüste? Ein Gehöft? Und mittendrin eine kleine Stadt, vier weitere Jugendliche und ein totes Mädchen.

Klingt verrückt? Nun, Megan Shepherd hat für dieses Setting zumindest eine plausible Erklärung parat. Die Teenager, drei Jungs, drei Mädels, wurden von Alien entführt. Die verrückte Umgebung ist nur der Käfig, in denen sie fortan leben sollen. Diese Erklärung bietet auch der Hüter, der sich als Cassian vorstellt. Ein Alienadonis, dessen Rasse sich Kindred nennt; der menschlichen Gestalt nah, aber mit schwarzen Augen und metallischer Haut. Cassian erklärt auch die einzigen drei Regeln in ihrem Reservat: „Achtet auf eure Gesundheit“, „Löst die Rätsel“ und „Pflanzt euch fort“.

Ja, richtig gelesen. Das Alien möchte, dass die Teenager, die im Übrigen durch einen Algorithmus perfekt zueinander passen sollen, Babys machen. Doch das ist nicht Coras vordringlichstes Problem. Zunächst stört sie sich ganz allgemein an der Situation ‑ und schließlich entbrennt außerdem ein ziemlicher Zwist zwischen Lucky und ihr, obwohl eigentlich beide ein perfektes Paar abgeben sollen. Dazu entwickelt sich außerdem die Beziehung zwischen Cora und Cassian in eine gelinde gesagt merkwürdige Richtung.

Quasi Liebesdreieck mit Stockholmsyndrom. Nun, zumindest kann man der Autorin nicht nachsagen, unkreativ an das Thema „Jugendbuch“ herangegangen zu sein. Besonders gelungen ist dabei der Sci-Fi-Anteil. Das Konzept der verschiedenen Rassen, das Setting der Raumstation, all das verleiht „The Cage“ eine interessante Note. Auch dass sich ein wenig Übersinnliches dazu gesellt, passt insgesamt gut in den Kontext. Schade, dass dieses nur den Hintergrund für die Charaktere bildet.

Megan Shepherd (Copyright: Kristi Hedberg Photography)

Während man unter diesen Vorzeichen durchaus auch einen spannenden Thriller für Erwachsene konzipieren könnte, leiden die Protagonisten leider alle unter ihren Stereotypen. Steckt man gerade nicht selbst drin, möchte man des Öfteren „Teenager…“ seufzen. Den Charakteren fehlt es irgendwie ein wenig an Kreativität. Besonders schlimm erwischt es Lucky, der einem mit Motoröl verschmierten und Gitarre spielenden amerikanischen Traum gleichkommt.

Irgendwie wollen diese Teile ‑ kreatives Setting, stereotype Protagonisten und „Alien, die Babys wollen“ ‑ noch nicht so recht zusammengehen. Nichtsdestotrotz hält Shepherd ihre Leser durch Unberechenbarkeit bei Laune. Ein Pageturner wider Willen, sozusagen.

Wer „The Cage ‑ Entführt“ eine Change geben will, sollte zumindest Experimentierfreude und Gefallen an Science-Fiction mitbringen. Dann können Cora, Lucky und Co. wirklich einiges an Unterhaltung bieten. Allerdings dürfte der Grat zwischen Like und Dislike ziemlich schmal verlaufen. Möglicherweise wird die Entscheidung mit dem nächsten Band leichter.

Inhalt

Die 16-jährige Cora erwacht mitten in einer Wüste. Sie wurde offensichtlich entführt! Aber von wem? Und wo um Himmels willen ist sie gelandet? Denn an die Wüste grenzen eine arktische Tundra und das Meer, dahinter liegt eine filmkulissenartige Stadt. Fünf weitere Jugendliche irren durch die merkwürdige und, wie sich bald zeigt, sehr gefährliche Szenerie. Und dann tritt Cassian auf: ein unglaublich schöner junger Mann, der sich als ihr Wächter vorstellt. Ihr Wächter in einem Zoo, Millionen Kilometer von zu Hause entfernt. Eine Flucht scheint unmöglich zu sein. Bis sich zwischen Cora und Cassian eine verbotene Anziehung entwickelt. Doch kann Cora ihm genug vertrauen, um zu fliehen?

(Quelle: Heyne fliegt)

Autorin

Megan Shepherd
ist in den Bergen von North Carolina aufgewachsen. Die meiste Zeit verbrachte sie bereits als Kind in der Buchhandlung ihrer Eltern. Nach ihrem Studium (Kulturwissenschaften und Sprachen) ging sie für zwei Jahre in den Senegal, wo sie Kinder in Dorfschulen unterrichtete. Dabei entdeckte sie ihr großes Talent zum Geschichtenerzählen. Megan Shepherd lebt mit ihrem Mann auf einer Farm in North Carolina.

(Quelle: Heyne fliegt)

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Details

Format: eBook, Paperback
Vö-Datum: 29.08.2016
Seitenzahl: 464
ISBN: 978-3-453-26893-7
Sprache: Deutsch
Empfohlen ab 14 Jahren
Verlagshomepage: Heyne Verlag

Copyright Cover: Heyne fliegt



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer