Review

Fans sind schon verrückte Wesen. Vermutlich nicht alle, aber ein paar besondere Exemplare gibt es schon. Wenn es um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes geht, scheint es sogar ziemlich viele besondere Fans zu geben, denn sie lassen sich weltweit überall finden – vom Weißen Haus bis zum schwedischen Teenager, der eine Fernsehserie liebt.

Dieser Teenager, Mattias Boström, wurde erwachsen, die Liebe zu Sir Arthur Conan Doyles Opus Magnum blieb. Und 2013 presste er diese Liebe zwischen zwei Buchdeckel: 6 Teile, 88 Kapitel, 600 Seiten, eine Untersuchung „Von Mr. Holmes zu Sherlock – Meisterdetektiv. Mythos. Medienstar“.

Und all das beginnt bei einem jungen Arzt, der sich Ende des 19. Jahrhunderts zunächst eher Sorgen darum macht, wo und wie er eine Praxis einrichtet. Mehr als Hobby betreibt er nebenher das Schreiben, und dass eine seiner Geschichten über einen Detektiv namens Holmes in einem kleinen Weihnachtsmagazin veröffentlicht wird, ist für ihn ein riesen Erfolg. Nicht plötzlich, sondern eher gemächlich entwickelt sich aus diesem kleinen Beginn dann das Epos, an dem wir uns heute in Film, Fernsehen, Radio, Büchern, Magazinen oder gar auf Werbetafeln, T-Shirts und Socken erfreuen. Eine beeindruckende Erfolgsstory.

Doch es zeigen sich auch Schattenseiten. Das beginnt bei Doyle selbst, der eigentlich gerne auch andere Sachen geschrieben hätte, setzt sich in Geschwisterzwisten fort und mündet in weiteren großen und kleinen dramatischen Episoden. Alles in allem lässt sich festhalten: Wie Doyle Holmes entwickelte und wie Holmes sogar Einfluss auf Doyle nahm, ist wahrlich Stoff für eine Geschichte.

Mattias Boström (Copyright: Mattias Boström)

Mattias Boström (Copyright: Mattias Boström)

Statt diese Fülle an Geschehnissen nun nüchtern herunterzubeten, wählt Boström einen für den nicht-wissenschaftlichen Leser grundsätzlich charmanten Ansatz: All dies verpackt er in ein populär-historisches Buch (nicht ohne am Schluss trotzdem einige Quellen anzugeben). Trotz dieser leserfreundlichen Form muss man für diese Lektüre einiges an Ausdauer mitbringen. Das liegt gar nicht so sehr an den 600 Seiten, sondern an der teilweise umständlichen Art des Autors. Bevor er zum Kern einer Sache vordringt, umschreibt er liebend gern einige (oder viele) nette Nebensächlichkeiten. Das verrennt sich dann in solchen Details, dass man am Ende eines Absatzes glatt vergessen hat, um wen oder was es eigentlich ging. Ganz davon abgesehen schlägt bei dieser Schreibe der (fehlgeleitete?) Ehrgeiz der Vollständigkeit ebenfalls mit voller Macht zu. Während ein Mittagessen mit Bram Stoker noch einigen Unterhaltungswert besitzt, verlaufen sich spätestens das Geschacher um Rechte und der Zank ums Erbe in spießiger Beliebigkeit. Auch wenn man Boström hier den Umfang der Recherchen wirklich zugutehalten muss, wäre es für den Leser gelegentlich sicher freundlicher gewesen, auch einmal mutig etwas wegzulassen – oder doch die blumige Schreibweise etwas pragmatischer zu gestalten.

Dass ihm das wirklich gut gelingt, zeigt übrigens der letzte Abschnitt, in dem der Autor über seine eigene Geschichte mit Doyle und Holmes berichtet und, ganz nebenbei quasi, neuere Entwicklungen wie auch die BBC-Fernsehserie „Sherlock“ beleuchtet. Flüssig, knackig und kompakt – damit ist der Schluss schon aus Formgründen ein krönender Abschluss.

Alle Doyle-Fans oder Liebhaber von Biografien werden mit „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ trotzdem ihren Spaß haben. Und wenn es doch mal etwas zäh wird, kann man ja zwischendurch auch eine der Originalgeschichten lesen.

Inhalt

Auch mehr als 125 Jahre nach seinem ersten Fall erfindet sich Sherlock Holmes immer wieder neu: Benedict Cumberbatch interpretiert den genialen Meisterdetektiv moderner und persönlicher denn je, Regisseur Guy Ritchie inszeniert ihn als humorvoll-amüsanten Gentleman und Herr-der-Ringe-Star Ian McKellen wagt sich an eine Version des pensionierten Holmes. Aber woher rührt der weltweite Mega-Erfolg des unkonventionellen Privatermittlers? Was fesselt Generationen von Lesern, Hörern und Zuschauern an den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle? Und wer ist das reale Vorbild für die vielleicht größte literarische Figur aller Zeiten? Der schwedische Sherlock-Holmes-Experte Mattias Boström begibt sich in diesem aufwändig recherchierten Buch auf Spurensuche, um das Erfolgsgeheimnis des Mannes aufzudecken.

(Quelle: btb Verlag)

Autor

Mattias Boström,
Mattias Boström, Jahrgang 1971, ist einer der führenden Sherlock-Holmes-Experten weltweit. Er ist Mitglied der prestigeträchtigen Gesellschaft „Baker Street Irregulars“, welche ihn für seine Schriften über die Arbeit von Sir Arthur Conan Doyle auszeichnete. Für „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ erhielt er außerdem den Schwedischen Krimipreis für das beste Sachbuch.

(Quelle: Random House)

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Details

Format: Taschenbuch
Vö-Datum: 14.12.2015
Seitenzahl: 608
ISBN: 978-3442713363
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: btb Verlag

Copyright Cover: btb Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer