Review

Hierzulande kennt es kaum jemand, in Frankreich ist sein Werk Bestandteil der Schullektüre: Die (teilweise fiktiven) Kindheitserinnerungen des französischen Schriftstellers Marcel Pagnol.

Die vorliegende Comic-Adaption „Marcel Pagnol – Der Ruhm meines Vaters“ basiert auf der zwischen 1957 und 1959 erschienenen autobiografischen Romantrilogie „Souvenirs d’enfance“ (deutscher Titel: Eine Kindheit in der Provence), die auch bereits die Vorlage für den französischen Spielfilm „Der Ruhm meines Vaters“ aus dem Jahre 1990 war.

Die Kindheitserinnerungen Pagnols erzählen von der Liebe zur Natur, von der Beziehung zu seiner Familie und natürlich insbesondere von dem Verhältnis zu seinem unfehlbaren Vater, seinem leuchtenden Vorbild, den er hier kindlich idealisierte. Pagnols Mutter, Augustine war Schneiderin und sein Vater, Joseph, war Volksschullehrer. Der Vater selbst stammte aus einer Arbeiterfamilie, denn dessen Vater war Steinmetz, konnte gerade lesen und seinen Namen schreiben und tat alles dafür, dass Joseph den Lehrerberuf ergreifen kann.

Ich (…) bewunderte die väterliche Allmacht (…). Während ich in die Volksschule kam, legte mein Vater einen kometenhaften Aufstieg hin. Von St. Loup kommend, übersprang er mit einem einzigen Satz sämtliche Vororte von Marseille und wurde (…) der Hauptlehrer an der (…) größten Volksschule von Marseille.

Weitere friedvolle Erinnerungen gelten insbesondere seiner Tante Rose, seinem Onkel Jules sowie seinem jüngeren Bruder Paul. Eines Tages mieten seine Eltern und sein Onkel Jules eine Villa in den Hügeln der Provence an, wo Marcel mit seiner Familie die großen Ferien verbringt. In dieser malerischen Umgebung verlebt die Familie eine idyllische Zeit.

Herzstück der Handlung ist dann eine Jagd seines Onkels Jules, gemeinsam mit seinem Vater, an der Marcel unbedingt teilhaben möchte. Da sein Vater – im Gegensatz zu Onkel Jules – ein unerfahrener Jäger ist, gilt auch hier Marcels größte Sorge dem Ansehen, dem Ruhm seines Vaters:

Ich dagegen verzehrte mich vor Angst, wie es die Kinder unseres verehrten Herrn Staatspräsidenten tun würden, wenn er ihnen eröffnete, dass er an der Tour de France teilnehmen wolle.

Ob Marcel auch danach noch allen Grund hatte, seinen Vater zu glorifizieren, das müsst ihr selber herausfinden!

Eine Passage recht zu Beginn der Kindheitserinnerungen Pagnols beschreibt recht zutreffend, was den Leser in der vorliegenden Comic-Adaption erwartet:

Es war eine gesegnete Zeit, in der man sich gegenseitig half. Man brauchte nur darum zu bitten.

In dieser Story ist alles malerisch, idyllisch, beschaulich. Das ist einerseits schön, um einfach mal dem Alltag zu entfliehen und die Seele baumeln zu lassen; andererseits wirkt der „Der Ruhm meines Vaters“ – man möchte nicht sagen kitschig – oft ein wenig altbacken und nicht gerade zeitgemäß, vor allem wenn man mit den Werken Pagnols nicht groß geworden ist.

Leseprobe aus „Marcel Pagnol – Der Ruhm meines Vaters“ (Copyright: Splitter Verlag)

Die Handlung kommt hier ohne größere Konflikte aus und so mag der eine oder andere Comic-Leser, der es ereignisreicher oder abenteuerlicher mag, eher zu einem anderen Vertreter der „Neunten Kunst“ greifen. Beim Schmökern merkt man jedoch, dass die Ausgabe derart harmonisch ist, dass man sich durchaus vorstellen kann, sie (später) seinen Kindern vorzulesen.

Im Zusammenhang mit diesen liebevollen Erinnerungen besticht vor allem das wunderschöne Artwork. Mit viel Gespür für Atmosphäre erwecken Zeichner Morgann Tanco und Koloristin Sandrine Cordurié hier die Provence des frühen 20. Jahrhunderts zum Leben. Vor allem die wunderbar in Szene gesetzten Landschaften bereiten Freude.

Am Ende hält die Ausgabe noch einige Notizen und Entwürfe Pagnols, Fotos der Familie und ein ausführliches Interview mit den Autoren Serge Scotto und Èric Stoffel bereit.

Wer auf den Geschmack gekommen ist, sei darauf hingewiesen, dass im Oktober noch „Marcel Pagnol – Das Schloss meiner Mutter“ erscheint, ebenfalls ein Teil der autobiografischen Romantrilogie.

Inhalt

Marcel Pagnol ist ein Inbegriff für „la douce France“, das liebliche Frankreich, und das nicht nur dort, sondern auch weit darüber hinaus. Gemeint ist damit vor allem der idyllische Charme des Landlebens in der südfranzösischen Provinz Anfang des 20. Jahrhunderts. Vor allem seine autobiografische Trilogie „Eine Kindheit in der Provence“ hat mit ihrer warmherzigen, humorvollen Schilderung von Land und Leuten das Frankreich-Bild so nachhaltig beeinflusst, dass der Schauplatz seiner Erzählungen, das bergige Hinterland zwischen Marseille und der Côte d‘Azur, auch als die „Hügel Pagnols“ bezeichnet wird.

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 01.06.2017
Seitenzahl: 96
ISBN: 978-3-95839-531-2
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
Fabian

Warum denn so ernst?