Review

Weil sie ein Mädchen ist, so begründete Luci van Org mit ihrem damaligen Musikprojekt Lucilectric ihr Gutbefinden beim Männeraufreißen und ließ mit dieser simplen Aussage in den 90ern keinen Platz für eine Widerrede. Nun, Jahre später und mit reiferen, aber immer noch unterhaltsamen Gedanken im Kopf, betätigt sich die Berlinerin unter anderem als Autorin und legt nach dem Debütroman „Frau Hölle“ ihr zweites Werk namens „Schneewittchen und die Kunst des Tötens“ vor, beide erschienen im U-Line Verlag.

Schwierig, sich von dem einstigen Image und Songhit zu lösen, das wohl jeder unweigerlich mit Luci van Org verbindet, doch in „Schneewittchen und die Kunst des Tötens“ beweist die Künstlerin mehr als gut, dass sie sich als ernst zu nehmende Autorin durchaus behaupten kann.

Passend platziert in der hauseigenen Anti-Pop-Reihe des Verlags präsentiert Luci van Org mit „Schneewittchen und die Kunst des Tötens“ eine Märchenadaption der anderen und irgendwie auch besonderen Art. Fern einer herkömmlichen klassischen Herangehensweise bildet eine komplette Übertragung in die Neuzeit die Basis der „Adaption“, sodass die Züge des Märchens „Schneewittchen“ eher symbolisch und metaphorisch, kurz im übertragenen Sinne anzutreffen sind.

Luci van Orgs Schneewittchen beispielsweise weist damit zwar die Äußerlichkeiten der ursprünglichen Märchenfigur auf – von weißer Haut wie Schnee, über rote Lippen, so zart wie Blut, bis hin zu Haaren, schwarz wie Ebenholz, sind die markantesten Merkmale vorhanden -, damit hat es sich dann aber auch schon weitgehend. Dafür platziert van Org ihre Protagonistin in das BDSM-Milieu und vermittelt all das stets mit einem Augenzwinkern.
Die im Märchen allseits beliebte böse Königin ist natürlich als Figur ebenfalls mit von der Partie, doch auch hier ist die Bezeichnung lediglich im übertragenen Sinn zu verstehen, handelt es sich dabei doch um Schneewittchens respektive Hauptfigur Ninas Mutter, eine Star-Fernsehköchin mit allerlei Problemen und bösartigen Charakterzügen.
Der edle Held an Schneewittchens/Ninas Seite darf natürlich auch nicht fehlen, sodass er, Figur Ivo, die nötige Romantik und Happy-End-Stimmung in den Roman bringt.
Und wie bindet man letztlich noch sieben Zwerge ein? Richtig, als Nerds, deren Leidenschaft dem LARP gilt.
Obendrauf gibt es noch einen soziopathischen Serienkiller, der dem Ganzen die (bei der Königin nicht vorhandene) Krone aufsetzt.

„Schneewittchen und die Kunst des Tötens“ ist also weit weniger „fantastisch“, als eine Märchenadaption vermuten lässt. Dies jedoch nur auf das zu vermutende Genre bezogen, denn inhaltlich und stilistisch kann das Buch ohne Weiteres als „fantastisch“ bezeichnet werden.

Dafür sorgen nicht zuletzt eine Prise Humor und lockere, dynamische Dialoge.
Dynamisch ist zudem die gesamte Handlung, vor allem durch die Erzählperspektivwechsel. Insbesondere die Ich-Perspektive (aus Sicht des männlichen Charakters Ivo) erzeugt eine gewisse Nähe zwischen Leser und Gelesenem.

Durch die Knappheit der nur 144 Seiten erscheint „Schneewittchen und die Kunst des Tötens“ zwar sehr kurzweilig und ist schnell ausgelesen, innerhalb dieses eng gesteckten Rahmens ist jedoch alles vorhanden, was der Roman und somit die Geschichte benötigen. Inklusive einiger Wendungen gegen Ende, auch wenn man hier dann einen Kritikpunkt finden wird, denn den Schluss handelt Luci van Org doch recht flott ab.
Obwohl man am Ende feststellen wird, dass man nichts versäumt und auch die Autorin keine offenen Stellen gelassen hat, begleitet den Leser in Anbetracht der nur noch wenigen vor einem liegenden Seiten bei ebenjenen stets das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen. Umso überraschender, dass dem letztlich nicht so ist. Trotzdem hätte das Erzähltempo auf einem durchgehend gleichen Level bleiben können und sollen.

Luci van Org (Copyright: Luci van Org)

Luci van Org (Copyright: Luci van Org)

Die integrierte Erotik, immer im Zusammenhang mit BDSM-Nuancen, fällt unaufdringlich aus und wird nie zum Hauptthema gemacht. Vielmehr impliziert Luci van Org in diesen Passagen permanent ein Augenzwinkern.

Auch an anderen Stellen nimmt die Autorin das eine oder andere Klischee auf die Schippe, was schließlich für den hohen Unterhaltungswert des Romans sorgt.

Wer sein Anti-Pop-Sortiment aufstocken möchte oder auf der Suche nach kurzweiliger, bissiger, witziger und einfallsreicher Lektüre ist, der ist bei „Schneewittchen und die Kunst des Tötens“ bestens aufgehoben und sollte Luci van Org im Auge behalten.

Handlung

SM-Schneewittchen, sieben tapfere LARP-Zwerge und vierzig Morde 

Es war einmal ein Mädchen mit Haut, so weiß, wie Schnee, Lippen, so rot wie Blut, Haaren, schwarz wie Ebenholz … und einer ausgeprägten Vorliebe für BDSM.

Und da gab es einen Jäger … der dieses Mädchen über alles liebte … zum Glück ebenfalls mit einer ausgeprägten Vorliebe für BDSM und reichlich Erfahrung … zumindest theoretisch, erworben am heimischen PC.

Außerdem waren da eine Königin, ein Serienkiller, der obligatorische Glassarg und jede Menge Phobien in einem Berliner Souterrain …

Und es war einmal eine Autorin namens Luci van Org, die daraus eine Geschichte machte. Ganz oft zum Lachen. Und manchmal auch zum Weinen.

(Quelle: U-line Verlag)

Autorin

Luci van Org, Berlinerin, trat schon im Alter von 12 Jahren in Blues-Clubs auf. Mit 16 unterschrieb sie ihren ersten Plattenvertrag, sang mit 19 als Eena den Titelsong zum Film „Go Trabi Go“ und war nebenher Kunst- und Anglistikstudentin, Supermarktverkäuferin und Aktmodell. 1994 wurde sie mit Lucilectric („Mädchen“) zum gefeierten Popstar.
Heute ist sie als Musikerin die weibliche Hälfte von Meystersinger und Bandleaderin von Üebermutter. Sie ist die Hauptdarstellerin der Comedy-Serie „Heim Herd Hund“ und schreibt Drehbücher, u.a. „Lollipop Monster“ (ZDF) und Theaterstücke wie „Die 7 Todsünden“.

(Quelle: U-line Verlag)

Luci van Org – Homepage
Luci van Org – Facebook

Details

Format: Taschenbuch
Veröffentlichung: 11.09.2015
Seitenzahl: 144
ISBN: 978-3-944154-32-9
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: U-Line Verlag

Copyright Cover: U-Line Verlag



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde