Review

Ohne jetzt in die „Früher war alles besser!“-Schiene zu fallen: Manches war früher einfach besser. Besonders Literatur. Was will der Leser mit einem unfertigen Opus magnum à la „Game of Thrones“, dessen 42 Storysträngen eh niemand richtig folgen kann, wenn man auch kurz, knackig, gut schreiben kann? Wegweisend im Bereich Science-Fiction und Mensch weniger Worte: H. G. Wells. Der Splitter Verlag spendiert dem Ausnahmetalent nun eine eigene Comic-Reihe.

Den Anfang macht „Die Zeitmaschine“, einer der wichtigsten Romane des Autors. Sollte es euch wie mir gehen und ihr habt die rund 160 Seiten des Originals noch nicht gelesen, hier eine kurze Zusammenfassung der Story:

Der namenlose Protagonist ist ein Tüftler. Nach Jahren der Forschung entwickelte er erfolgreich eine Zeitmaschine. Um seinen Kollegen von seinem Erfolg zu berichten, lädt er drei Herren zu sich nach Hause ein. Nachdem diese direkt schon Unglauben zeigen, verlässt der Erfinder den Raum, nur um wenige Augenblicke später leicht ramponiert zurückzukehren. Den ungläubigen Zuhörern berichtet er von seiner Zeitreise in das Jahr 802.701.

Dort traf er zunächst wunderschöne und junge Menschen, denen allerdings im Laufe der Jahrtausende die Intelligenz abhandengekommen ist. Lethargisch und nur von leichter Freude beseelt verbringen die von ihm „Eloi“ genannten ein recht sorgenfreies und langweiliges Leben. Nur die Dunkelheit meiden und fürchten sie. Dort warten die „Morlocks“ auf ihre leichte Beute. Diese sind anscheinend der lichtscheue, fleischfressende Menschenstamm geworden. Beide haben nicht mehr viel mit der Menschheit des 19. Jahrhunderts zu tun und halten dem Leser dennoch leise einen gesellschaftskritischen Spiegel vor.

Schon diese unterschwellige Botschaft, die auch in der Umsetzung von Autor Dobbs nicht verloren geht, macht die Lektüre lohnenswert. Garniert wird die Gesellschaftskritik allerdings mit spannender, wenngleich geradliniger Erzählweise und erstaunlichem technischen Know-how. Auch wenn natürlich detaillierte Beschreibungen technischer Apparate fehlen, so erscheinen die Konstrukte aber auch mehr als 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung noch schlüssig. Bewundernswert!

Leseprobe aus „H.G. Wells – Die Zeitmaschine“ (Copyright: Splitter Verlag)

Aber auch wenn Dobbs bei der Komprimierung von „Die Zeitmaschine“ auf 56 Seiten sicherlich gute Arbeit geleistet hat, war diese Aufgabe bei der guten Vorlage sicherlich weniger komplex. Schwieriger war, dem Ganzen ein authentisches und zeitgemäßes Äußeres zu verleihen. Hier kommt Zeichner Mathieu Moreau ins Spiel. Mit dynamischem Strich und in eindeutiger Hommage an den Jugendstil und der Ästhetik der Jahrhundertwende haucht er der Story Leben ein.

Besonders bemerkenswert ist die Flexibilität, mit der er die verschiedenen Zeitepochen auch optisch abzugrenzen vermag, ohne dabei den roten Faden aus den Augen zu verlieren. Außerdem beweist er gerade bei den Hintergründen Liebe zum Detail. Beispielhaft zeigt das verstaubte Museum, das der Zeitreisende besucht, unzählige Artefakte. Und über allem hängt die Schönheit des Verfalls.

Das allem in einer Prachtausgabe, die sogar einen Golddruck spendiert bekommen hat. Da lässt sich nur sagen: Chapeau, die Umsetzung von „Die Zeitmaschine“ ist absolut gelungen! Für alle Fans klassischer Sci-Fi-Storys ein Must-have. Und wer Wells noch nicht kennt, sollte hier sowieso mal zugreifen.

Inhalt

Splitter widmet dem Meister der Science-Fiction eine sechsbändige Prachtausgabe.

H.G. Wells ist, neben Jules Verne, nicht nur ein, sondern der Ahnherr und Klassiker der modernen Science-Fiction-Literatur. Einige seiner Bücher sind Schlüsselwerke des utopischen Zukunftsromans, „Der Krieg der Welten“ etwa, „Die Insel des Dr. Moreau“ und natürlich „Die Zeitmaschine“. Im Laufe der Jahrzehnte sind sie unzählige Male adaptiert, interpretiert, kopiert, zitiert und auch persifliert worden. Allein „Der Krieg der Welten“ ist ein äußerst beliebter Stoff, auch und gerade im Comic, und dürfte so oft im Stil der jeweiligen Zeit verarbeitet worden sein – von Orson Welles‘ legendärer Hörspielfassung, die 1938 in den USA angeblich für Massenpanik sorgte, bis hin zu Roland Emmerichs „Independence Day“ 1 & 2 (Tim Burtons „Mars Attacks!“ nicht zu vergessen) –, dass der eigentliche Urheber dahinter gerne vergessen wird.

Szenarist Dobbs hat sich deshalb nun daran begeben, zusammen mit einigen ausgewählten Zeichnern eine zeitgemäße Interpretation der Hauptwerke von H.G. Wells im klassischen Geist vorzulegen – neben den eingangs genannten Titeln zudem noch „Der Unsichtbare“, ein weiteres Beispiel dafür, dass die Erzählungen von Wells stets spannend sind, unterhaltsam, auch amüsant und vor allem eins: zeitlos aktuell!

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Dobbs,
geboren am 12. Dezember 1972 unter dem bürgerlichen Namen Olivier Dobremel, ein ist französischer Comic-Autor.

(Quelle: Wikipedia)

Dobbs – Homepage
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Details

Format: Hardcover (Bookformat)
Veröffentlichung: 01.06.2017
Seitenzahl: 56
Band: 1 von 6
ISBN: 978-3-95839-500-8
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne

„Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust.“ – Rosette Niederer