Review

Wir schreiben die Siebzigerjahre als ich im Regal meines Lieblingssupermarkts Gaston entdecke… Es ist die Zeit, in der unsere Familie einen Ford Taunus fährt… In der es nur ein einziges Telefon im Haus gibt… In der mein Vater den Schwarz-Weiß-Fernseher unserer Nachbarn abstaubt und wieder auf Vordermann bringt… In der Zigaretten noch nicht gänzlich verhängnisvoll für die Gesundheit sind… In der wir am Wochenende mit denselben Skiern die Pisten hochstapfen, mit denen wir dann wieder runterbrettern… Und in der die Rolling Stones mit „Angie“ einen Hit landen… Lang ist’s her, und wenn ich an die Zeit zurückdenke, fehlen sie mir, die Gaston-Jahre…

(Hommage an Gaston von Éric Buche
in „Gaston: Die Galerie der Katastrophen“
)

Franko-belgische Jubiläen

Erst kürzlich haben wir uns hier anlässlich des 80. Jubiläums der „Spirou“-Comics den Band „Spirou & Fantasio Spezial: Spirou in Berlin“ angeschaut. Dieser brachte ein echtes Novum mit sich: Mit dem deutschen Comiczeichner Felix Görmann alias Flix durfte erstmals ein deutscher Zeichner einen derartigen frankobelgischen Comic-Klassiker zeichnen, der in einer Liga mit Größen wie Asterix“ oder auch Tim und Struppi“ spielt. Das ist nicht weniger als eine kleine Sensation.

Im Fokus stehen in diesem Abenteuer vor allem die Figuren Spirou und Fantasio, das Eichhörnchen Pips sowie der Graf von Rummelsdorf.

Eine andere Legende des französischsprachigen Comics taucht dort jedoch nicht auf: Gaston Lagaffe.

60-jähriges Jubiläum

Doch auch Gaston beziehungsweise Gaston Lagaffe, wie er im Original heißt, kann schon auf eine lange Historie zurückblicken.

Es war im Februar 1957, dass Gaston erstmals in Erscheinung trat. André Franquin, neben Hergé der wichtigste stilprägende Comic-Zeichner Europas, zeichnete ihn an der Schwelle der Redaktionstür des Magazins Spirou.
Nachdem er bei seinen ersten Auftritten einfach nur herumstand, sollte er später als Redaktionsbote im Verlag eigentlich die Leserpost bearbeiten. Eigentlich. Denn in aller Regel verbringt der 
Wirrkopf seine Arbeitszeit stattdessen mit Spielereien, verrückten Experimenten, faulenzen oder schlafen.

Bereits im letzten Jahr feierte Gaston also sein 60-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass brachte Carlsen schon den Geburtstagsband „Gaston: Glückwunsch, Gaston!“ auf den Markt, in dem die besten Comicstrips in einer besonderen Hardcover-Ausgabe und in neuer Kolorierung versammelt sind.

60 Hommagen an den berühmten Redaktionsboten

Nunmehr liegt mit „Gaston: Die Galerie der Katastrophen“ ein weiterer Geburtstagsband vor.

Zu seinem 60. Ehrentag haben 60 Zeichner Hommagen an den berühmten Redaktionsboten inszeniert.
Die einzelnen Strips sind hier meist ein- und maximal zweiseitig. Die unterschiedlichen Künstler erweisen in diesem Band sowohl einem der größten Chaoten der Comicgeschichte als auch dessen Schöpfer André Franquin die Ehre.

Ein bunter und vielfältiger Strauß von Ehrenbezeugungen

Aufgrund der Vielzahl der hier vertretenen Zeichner, die ihrem Vorbild ihre Reverenz erweisen, sollen nicht alle im Einzelnen namentlich Erwähnung finden. So begegnet auch jeder dem Jubilar auf seine ganz eigene Weise. Während manch einer versucht, mit seiner Hommage den Stil von Franquin zu imitieren oder jedenfalls nur ganz leicht zu modernisieren und anzupassen, gibt es wieder andere, die bei ihrer Hommage eine gänzlich freie, unabhängige Interpretation von Gaston wählen. So entsteht ein besonders bunter und vielfältiger Strauß von Ehrenbezeugungen.

Einen besonders schönen und persönlichen Text hat meines Erachtens Éric Buche geschrieben (s.o.). Im Übrigen ist es natürlich äußerst subjektiv, welcher künstlerische Stil dem Leser gefällt. Ich möchte die Hommagen von Fabcaro, Olivier Pont, Fabrice Tarrin, Alessandro Barbucci und Nob, Delaf, Frank Pé, Mathieu Burniat, William und Cazenove sowie Florent Sacré und Olivier Bouquet – gerade in visueller Hinsicht – als besonders gelungen loben.

Typische Themen und Motive

Bereits erhältlich: „Gaston: Glückwunsch, Gaston!“ (Copyright: Carlsen)

Im Wesentlichen beschränken sich die Künstler dabei auf die typischen Themen und Motive aus den Gaston-Comics. Verrückte Experimente und Basteleien, Faulheit und Schläfrigkeit, Gaston als verkanntes Genie, das alles ist hier mehrfach zu finden. Vor allem der Running Gag, dass Gaston immer wieder verhindert, dass seine Vorgesetzten mit dem Geschäftsmann Bruchmüller zum Unterschreiben von Verträgen kommen, hat es den Künstlern angetan.

Weniger Zitat denn echte Neuschöpfung liefern die wenigen Hommagen, die den berühmten Redaktionsboten als 60-jährigen alten Mann zeigen.

Fazit

Bereits seit 60 Jahren bringt Gaston die Comic-Fans auf der ganzen Welt zum Lachen und für seine Fans dürfte auch dieser Hommagen-Band ein must-read sein. Auch wenn längst nicht jeder Comicstrip glänzen kann oder jeder Gag zünden will.

Inhalt

Ein moderner Blick auf die Katastrophen von Gaston!

Zum 60. Geburtstag von Gaston haben rund 60 Zeichner Hommagen an den berühmten Redaktionsboten gefertigt. Darunter sind Yoann/Vehlmann, Olivier Schwartz, Frank Pé, Blutch, Lewis Trondheim und viele mehr.

(Quelle: Carlsen)

Gastons Erfinder

André Franquin
ist neben Hergé der wichtigste stilprägende Comic-Zeichner Europas. Franquin wurde 1924 in Brüssel geboren. Nachdem er zuvor die Académie St.-Luc besucht hatte, begann er im Alter von 23 Jahren die Titelseite für das belgische Magazin „Spirou“ zu zeichnen. „Spirou und Fantasio“ war 1938 von Rob-Vel erdacht und seit 1944 von Jijé betreut worden, doch erst Franquin, der als dritter Zeichner der Serie 1946 mit der Kurzgeschichte „Der Panzer“ seinen Einstand gab, verlieh ihr einen eigenen Charakter. Dies lag vor allem daran,dass Franquin seine beiden schon existierenden Hauptfiguren herum ein kleines Universum an bemerkenswerten Nebenfiguren aufbaute. Die wichtigste Neuschöpfung Franquins war sicherlich das Marsupilami, das am 31. Januar 1952 erstmals in Erscheinung trat, bald darauf gefolgt von dem fiktiven Büroboten Gaston, der im Februar 1957 seinen ersten Auftritt in „Spirou“ hatte. Von 1955 bis 1959 zeichnete Franquin außerdem für das Magazin „Tintin“ die Serie „Mausi und Paul“. Grund für diesen Seitensprung war ein zeitweiliges Zerwürfnis mit dem „Spirou“-Verleger Dupuis, der recht rigide Einfluss auf die Gestaltung der Titelserie seines Magazins nehmen wollte. Nachdem „Gaston“ Ende 1957 eine eigene Seite im Heft bekommen hatte, wurde die Mehrfachbelastung für Franquin, der neben seinen zwei beziehungsweise drei laufenden Serien auch noch sämtliche „Spirou“-Titelbilder gestaltete und zahlreiche redaktionelle Beiträge illustrierte, zu groß. Trotz der Unterstützung zahlreicher fähiger Assistenten (unter ihnen Jidéhem und Greg) brach Franquin im Dezember 1961 mit einer nervösen Gelbsucht und schweren Depressionen mitten in der Arbeit an „QRN ruft Bretzelburg“ zusammen. Als er 1963 die Arbeit wiederaufnahm, hatte er sich entschieden, „Spirou & Fantasio“ schnellstens aufzugeben, um seine Kräfte ganz auf »Gaston« zu konzentrieren. Nach zwei weiteren Kurzgeschichten übernahm 1968 Jean-Claude Fournier „Spirou & Fantasio“. Die Rechte an der Figur Marsupilami verblieben allerdings bei ihrem Erfinder. Aus dem Wunsch heraus, „gewisse Themen zu bearbeiten, die bis dahin in “Spirou“ ziemlich vernachlässigt worden waren“, entwickelte Franquin 1977 mit Yvan Delporte zusammen die Magazin-Beilage „Trombone Illustré“, zu der er die Reihe „Schwarze Gedanken“ beisteuerte. In den 80er-Jahren zog sich Franquin weitestgehend aus der Comic-Produktion zurück. Er zeichnete weiterhin „Gaston“ und war ansonsten hin und wieder hinter den Kulissen und als Geburtshelfer mehrerer neu konzipierter Serien anderer Zeichner tätig, bis er 1987 das Marsupilami wieder aufleben ließ, dessen Soloabenteuer unter seiner Mitwirkung von Greg und Yann geschrieben und von Batem gezeichnet wurden. Andrè Franquin verstarb am 5. Januar 1997 in Nizza nach langer, schwerer Krankheit.

(Quelle: Carlsen, Hervorhebungen durch den Verfasser)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 26.06.2018
Seitenzahl: 64
ISBN: 978-3-551-72970-5
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Fabian
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"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)