Review

Großformatige Hardcoverbände, anspruchsvolle Geschichten und talentierte Zeichner sind die Markenzeichen des Splitter-Verlags.
Eine ganz besondere Perle aus dem Verlagsprogramm ist „Fee“, die in drei Akten die Liebesgeschichte zwischen Jam und seiner namenlosen „Fee“ erzählt. Aus der Feder des Franzosen Thierry Terrasson, der die Trilogie unter dem Pseudonym Téhy veröffentlichte, stammt dabei die Story, deren Episoden erstmals 1996, 2000 und 2003 veröffentlicht wurden und auf die Fans hierzulande noch bis zu dieser Gesamtausgabe warten mussten.

Während die Welt in Chaos versinkt, hat sich der Puppenmacher Mister Sir Crumpett’s in seinen kathedralenartigen Laboratorien verschanzt. Sein Lebenswerk sollte es sein, die Feengestalten aus Märchen und Sagen in seinen Automaten wiederzuerwecken, doch frustriert muss er feststellen, dass er zwar Hunderte große, kleine, krumme und schiefe Gestalten erschaffen konnte, ihnen allen aber das gewisse Etwas, das „Feenauge“, fehlt. Auch seine letzte Kreation, der Automat Jam, muss sich dieser Enttäuschung seines Schöpfers stellen. Doch beim Umherwandern in seinem neuen Zuhause stößt er zufällig auf eine – nein, seine! – unvollendete Fee! Überzeugt, dass der Vater aller Puppen sein Lebenswerk erfüllt und mit ihr alles Schöne in Zahnrädchen und künstliche Haut gebannt hat, setzt Jam alles daran, dass Mister Sir Crumpett’s Fee noch fertig stellt.
Doch dazu wird es nicht mehr kommen: Obwohl das Laboratorium weit abgelegen von Carlotta, der einen gigantischen Stadt, auf die die ganze Welt zusammengeschrumpft zu sein scheint, liegt, wird der Puppenmeister mit seinen Kreationen Opfer des Krieges, den er so lange ignorierte. Als letzten Akt der väterlichen Liebe rettet der Schöpfer zumindest zwei seiner Kreationen und so harren Jam und Fee beinahe ein Jahrhundert in getrennten Kühlräumen aus. Zum Greifen nah und doch unerreichbar fern!
Als dieses Martyrium einem Ende entgegen geht, werden die beiden jedoch getrennt. Während Jam auf der Suche nach seiner Fee ist, wird diese – trotz ihrer Unvollendung – verhökert und als Lustobjekt missbraucht, um dann schließlich als Ausstellungsstück einer vergangenen Kunstform in einem Museum zu landen.

Eingebettet in eine düstere Zukunft, inmitten von Gewalt, Krieg und Vergnügungslust wollen sich zwei Automaten ihre zarten Bande erhalten, und beweisen damit so viel mehr Herz und Liebe, als die gesamte Menschheit um sie herum. Damit kreiert Téhy zwar auch spannende Gegensätze, er bearbeitet aber hier einen Klassiker der Literatur: das Liebespaar, das die Gesellschaft nicht zusammenlässt. Insgesamt erzählt Téhy hier nichts unbedingt bahnbrechend Neues, aber wie er den Leser an der Geschichte teilhaben lässt, ist beeindruckend: Er reißt alle emotionale Distanz nieder und wirft den Leser ins Bad der Gefühle – wo er zwischen Liebe, Hoffnung, Angst und Verzweiflung hin und her treiben muss, genau wie auch die beiden Puppen.

Zum Greifen nah und doch unerreichbar fern: Jam und seine Fee. (Copyright: Splitter Verlag)

Zum Greifen nah und doch unerreichbar fern: Jam und seine Fee. (Copyright: Splitter Verlag)

Allerdings schafft er das nicht allein. Einen nicht unwesentlichen Beitrag leistet die erfahrene Zeichnerin Béatrice Tillier, die zarte und harte Federstriche genau dosiert und so den Puppen von Mister Sir Crumpett’s Leben einhaucht. Genau wie die Charaktere selbst, changiert der Zeichenstil dabei zwischen unschuldig, verrucht, nicht perfekt und wunderschön. Besonders detailverliebt sind zudem die Hintergründe gestaltet, in denen es von Kronleuchtern, Perlen und Neoklassizismus nur so wimmelt. Schließlich gelingt auch das Zusammenspiel der Farben hier grandios: Kühle und Hitze spiegeln Gefühle der Protagonisten und sind ein Genuss. Man möchte in den Bildern verweilen.

Alles zusammen ein schlüssiges und stimmungsvolles Konzept, das Tillier mit Téhy für Charaktere und Setting entwickelte. (Zwar ist der dritte Teil nicht mehr unter ihrer Mitwirkung entstanden, die geprägte Atmosphäre wird aber sehr konsequent fortgesetzt – tatsächlich ist mir beim ersten Lesen nicht wirklich ein Unterschied aufgefallen.)

Optik und Dramaturgie der Erzählung überzeugen daher auf ganzer Linie und lassen den nicht ganz so originellen Ansatz der Story weit in den Hintergrund treten.
Wer sich gewappnet fühlt für Welt- und Herzschmerz, sollte bei „Fee“ unbedingt zugreifen!

Inhalt

Die traumhaft romantische Love-Story als Sammelband!

Carlotta ist eine gigantische und ausufernde Megalopolis, die auf den Trümmern der Alten Welt erbaut wurde. Die Stimmung ist eisig, Hass und Gewalt sind allgegenwärtig. Aber inmitten dieser düsteren Zukunftswelt beginnt eine romantisch-traurige Liebesgeschichte zwischen dem Automaten Jam und einer von ihrem Schöpfer unvollendeten Fee …

Das zeitlose Meisterwerk von Téhy (YIU, Engel & Drache), Béatrice Tillier und Leclercq.
Eine poetische Liebesgeschichte in einer der schönsten Fantasy-Welten aller Zeiten.

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Thierry Terrasson, genannt JIM oder TÉHY.
Er zeichnet die Serie „La Teigne“ (dt.: Das Stigma) und textet „Fée et tendres automates“ (dt.: Fee) bei Vents d’Ouest sowie die SF-Saga „Yiu“ bei Soleil. Unter dem Namen Jim kreiert er zusammen mit Fredman eine Funny-Serie bei Vents d’Ouest: „500 idées pour glander au boulot“ und „Tous les défauts des mecs“ (500 Ideen, um auf der Arbeit abzuhängen; Alle Fehler der Kerle).
Sodann sammelt Jim Erfahrungen im Bereich Fotoroman („Ibiza“ bei Soleil), politischer Satire („Jungle“) und Kurzfilmen. Als Fane ihm ein gefühlvolleres und wahrhaftiges Projekt vorschlägt, springt er blindlings ins kalte Wasser. In seiner Freizeit schreibt er Szenarios für Filme, die nie gedreht werden, und versucht seine skeptische Umgebung vom Surfen zu überzeugen.

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 00.11.2008
Originaltitel: Fée et tendres automates
Seitenzahl: 160
ISBN: 978-3-939823-89-6
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer