Review

„Auch Comics sind Kunst!“ – ein Satz, der dem passionierten Leser der Bildergeschichten leicht über die Lippen geht und von Außenstehenden oft belächelt wird. Jeff Lemire und Dustin Nguyen haben nun mit „Descender“ gemeinsam ein Werk geschaffen, das wirklich jedem vor Augen führen wird, warum dieser Satz so wahr ist!

Noch bevor man im ersten Band „Sterne aus Blech“ richtig zu lesen beginnt, sticht die Besonderheit der Optik ins Auge. Die hier gezeigte Kombination aus klarer Linienführung und zarten Aquarellkolorationen fängt die eigentümliche Stimmung zwischen harter Realität und weichen Emotionen gekonnt ein, ohne sich aufdringlich in den Vordergrund zu drängen. Denn eigentlich ist neben der Farbopulenz – die matten Seiten bestechen mal in Blau- oder Rottönen oder kommen gänzlich in cleanem Weiß daher – die Gestaltung der Figuren und Hintergründe eher schlicht und reduziert. Hier lenken keine unnötigen Details den Betrachter ab. Außer vielleicht die umfangreichen Sprechblasen, die sich vom handwerklichen Charakter der sonstigen Gestaltung deutlich unterscheiden. Aber gut, solche kleinen „Kompromisse“ in der Optik wird man schon machen müssen, vor allem steckt hier ja des Pudels Kern.

Denn wenn nach einer Weile trotz der Schönheit der Bilder ein leichter Gewöhnungseffekt eingetreten ist, bleibt noch die Frage: Und die Story? Wo andere Veröffentlichungen hinter einem schönen Antlitz Storyschwächen verstecken, bleibt „Descender“ auf konstant hohem Niveau.

Alles beginnt mit einer kleinen Rückblende: Eine bunt gemischte interstellare Gemeinschaft trifft auf ihrem technischen Zenit ein fataler Angriff. Gigantische Roboter, deren Erscheinen sich nicht einmal das Robotikgenie Doktor Jin Quon erklären kann, richten auf neun Planeten furchtbare Zerstörung an. Aus Wut und Angst beginnt daraufhin die Beseitigung aller Roboter. Nur in entlegenen, vergessenen Ecken überstehen einige Exemplare diesen „Robocaust“.

Zehn Jahre später gibt es endlich erste Hinweise auf die Herkunft der Harvester, wie die Zerstörer genannt wurden. Ihr Computercode ähnelt dem eines kindlichen Robotermodels, den Tims. Wie durch ein Wunder loggt sich in einem verlorenen Außenposten der Tim-21 auf der Suche nach Informationen über den Verbleib seiner Familie ins System, eine Tat, die in diesen verzweifelten Zeiten nicht unbemerkt bleiben kann. Es folgt ein Wettkampf um den Besitz dieser kleinen Maschine, in dem Wissenschaftler, Schrotter und Adelshäuser gegeneinander antreten. Dabei hat der anscheinend letzte seiner Art auch ohne den Trubel um seine Person genug Sorgen und Nöte.

Leseprobe: "Descender (Band 1)" (Copyright: Splitter Verlag)

Leseprobe: „Descender (Band 1)“ (Copyright: Splitter Verlag)

Während gigantische Bedrohungen, Kopfgeldjäger und Killerroboter den Verlauf der Story antreiben und die Eckpfeiler der Erzählung mit großen Schritten markieren, sind es dennoch diese kleinen, emotionalen Momente, die Tim-21 vor allem durch Erinnerungen mit dem Leser teilt. Sei es ein Gutenachtkuss, ein Geburtstag oder die einfache Frage: „Aber … bist du nicht meine Familie?“

Man könnte nun sagen, dass hier natürlich auch Elemente vorkommen, die es so bei anderen Sci-Fi-Formaten auch irgendwie mal gab, allerdings schafft es das dynamische Duo, dass der Leser hier trotzdem die ganze Zeit am Ball bleibt. Zum einen, weil Lemire, ohne in belanglosen Kitsch abzudriften einfühlsam und trotz (oder gerade wegen) der recht geradlinigen Story mit genug Power erzählt, und zum anderen natürlich dank des grandiosen Werks von Nguyen, das sogar für die hohe Bildqualität bei Splitter neue Maßstäbe setzt.

Durch diese Kombination wird „Descender“ auch die Leser begeistern, die sonst eher wenig mit Sci-Fi am Hut haben. Oder mit Comics. Also eigentlich kann dieser Comic jeden begeistern. Kunst eben!

Inhalt

Als Jeff Lemire („Sweet Tooth“) sich daran machte, sein neues Science-Fiction Epos „Descender“ zu entwerfen, nahm er an, dass die Story um den einsamen, von allen Kopfgeldjägern der Galaxie verfolgten Roboterjungen TIM-21 ihn in die entferntesten Winkel des Weltalls führen würde. Stattdessen landete er in Hollywood. Denn kaum hatten er und Zeichner Dustin Nguyen ihr Projekt im letzten Sommer erstmals öffentlich in groben Zügen umrissen, gaben sich die Filmstudios bei ihnen die Klinke in die Hand. Eine Verfilmung von Sony Pictures ist bereits in Planung.

Eine bewegende Geschichte über die emotionale Zweischneidigkeit künstlicher Intelligenz, von Dustin Nguyen in atmosphärisch dichte Aquarelle umgesetzt, deren Einflüsse von Miyazaki und Otomo bis Stanley Kubrick („2001“) reichen. Und schon jetzt einer der SF-Comics des Jahres!

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Jeff Lemire,
geboren am 21. März 1976, ist ein kanadischer Comicautor und Autor von der Essex County Trilogy, Sweet Tooth, The Nobody und The Underwater Welder. Lemire ist bekannt für seine launischen, humanistischen Geschichten und seinen skizzenhaften, filmischen Schwarzweiß-Zeichenstil.

(Quelle: Wikipedia)

Jeff Lemire – Homepage
Jeff Lemire – Twitter

Details

Format: Hardcover (Bookformat)
Veröffentlichung: 01.12.2015
Seitenzahl: 144
Band: 1 von 4
ISBN: 978-3-95839-166-6
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer