Review

Im Carlsen Verlag erschien kürzlich in deren Rubrik „graphic novel“ der üppige Hardcover-Band „Der nasse Fisch“ von Arne Jysch. Wir nennen das Ganze im Folgenden aber dennoch einen „Comic“ aufgrund einer persönlichen Abneigung des Verfassers gegen den Begriff „Graphic Novel“.

Das Werk stellt die Comicfassung des im Jahre 2007 unter dem Titel „Der nasse Fisch“ erschienenen ersten Bandes einer auf acht Bände angelegten Roman-Serie des deutschen Schriftstellers Volker Kutscher dar. Da ich die Vorlage von Kutscher jedoch (noch) nicht gelesen habe, stellt diese Besprechung keinen Vergleich zwischen diesen Werken dar und will auch nicht beurteilen, wie gut die Comicadaption gelungen ist; vielmehr wird hier nur die Qualität des Comics beurteilt, welcher ein Projekt darstellt, das Jysch schon seit 2009 begleitet.

In dem vorliegenden Comic geht es um den Kölner Kriminalkommissar Gereon Rath. Die Story ist nach dem Ersten Weltkrieg und vor dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1929, also zu Zeiten der Weimarer Republik, angesiedelt; man bekommt also auch einiges von den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen jener Zeit mit.

In diesen politisch unruhigen Tagen vor der Machtergreifung verschlägt es den gebürtigen Kölner Rath unfreiwillig nach Berlin, denn nach Vorfällen in seiner Heimatstadt, über die er ungern redet und die ihn bis in seine Träume verfolgen, wird er dorthin versetzt. Zunächst wird Rath in Berlin bei der Sittenpolizei eingesetzt; er strebt jedoch danach, unter Ernst Gennat für die Berliner Mordinspektion zu arbeiten. Diese Chance soll er auch erhalten, wenn sich in Berlin einige Morde ereignen und das Morddezernat jede Hilfe gebrauchen kann. Der junge Kriminalkommissar nimmt die Ermittlungen dann mitunter in die eigene Hand und schafft sich in Berlin nicht nur Freunde. Im Zuge dessen soll er einigen Geheimnissen und Intrigen auf den Grund gehen. Viel mehr soll hier zum Plot aber auch gar nicht verraten werden.

„Der nasse Fisch“ von Arne Jysch katapultiert seine Leser unmittelbar in das Weimarer-Republik-Berlin. Es ist spürbar, dass der Comiczeichner hier eine ausgiebige – vor allem visuelle – Recherche betrieben hat. Darauf verweist er auch in seinem Anhang, wenn er eine kleine, unvollständige Liste der Bücher präsentiert, mit denen er wiederum selbst in die Zwanzigerjahre eingetaucht ist. Umgebung, Fortbewegungsmittel, Personen, einfach alles verströmt hier einen zeitgenössischen Charme, wodurch der historische Rahmen absolut stimmig wirkt. Akzentuiert wird das Ganze dadurch, dass der Comic durchgängig stimmungsvoll in Schwarz-weiß gehalten ist.

Sehr interessant ist auch die Hauptfigur Gereon Rath, ein charmanter und attraktiver Frauenheld, der auf der anderen Seite aber auch sehr unsicher ist. In Berlin ist er die längste Zeit damit beschäftigt, aus dem Schatten seines Vaters herauszutreten und sich selbst seine Lorbeeren zu verdienen. Er agiert dabei nicht wie ein klassischer Held, sondern des Öfteren wie ein selbstsüchtiger und von menschlichen Schwächen durchzogener Antiheld.

In Bezug auf den Stil des Zeichners ist bereits betont worden, dass die Kulisse perfekt inszeniert worden ist. Bei der Darstellung von Menschen ist der Stil – meines Erachtens nach – nicht immer ansprechend; die Linienführung wirkt sehr grob, wodurch gerade die eleganten Damen oft etwas derb und maskulin wirken.

Arne Jysch (Copyright: Arne Jysch)

Es sei hier noch der Hinweis erlaubt, dass es sich um eine Story mit einer Vielzahl von Charakteren handelt, die zu einem beachtlichen Teil auch noch auf russische Namen hören, und es auch abgesehen davon noch sehr wendungsreich zugeht. Man sollte den Comic also schon mit einer gewissen Aufnahmebereitschaft lesen, um eine vergnügliche Zeit mit dem Krimi-Comic zu erleben.

Übrigens wird „Der nasse Fisch“ aktuell auch von Tom Tykwer (als Filmregisseur insbesondere bekannt für: „Lola rennt“, „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“, „The International“ oder „Cloud Atlas“) und seiner Produktionsfirma X-Filme als TV-Serie umgesetzt, die 2017 auf SKY und 2018 in der ARD ausgestrahlt werden soll. Arne Jysch hingegen hat aufgrund seines großen Arbeitsaufwandes in absehbarer Zeit keine weitere Adaption der Kutscher-Romane auf dem Plan. Durchaus schade, denn „Der nasse Fisch“ bietet spannende Unterhaltung, in einer spannenden Zeit, in einem perfekt inszenierten Milieu. Darüber hinaus stimmt hier das Preis-Leistungs-Verhältnis, da man ein wunderschönes Hardcover-Comicbuch mit über 200 Seiten für schlanke 17,99 Euro erhält.

Inhalt

„Der nasse Fisch“ war der erste von inzwischen 5 Romanen um den fiktiven Kriminalkommisar Gereon Rath. Arne Jysch („Wave and Smile“) setzt nicht nur einen spannenden, erfolgreichen Krimi um, sondern zeichnet im wahrsten Sinne des Wortes ein genaues Bild des Berlins der Zwanzigerjahre, des Glamours und der Modernität der Frauen, der Armut und politische Spannungen in der Weimarer Republik und nicht zuletzt der Kriminalität und der Entwicklung der moderen Polizeiarbeit. Für letzteres war in der Realität wie im Roman der legendäre Ernst Gennat, genannt Buddha, verantwortlich. Jysch recherchiert wie immer sehr genau und konnte dabei auch auf das Material und die Kontakte des Autors Volker Kutscher zurückgreifen.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Autoren

Arne Jysch
Jahrgang 1973, hat in Hamburg und Potsdam Kommunikationsdesign und Animation studiert. Seit Ende der 1990er Jahre arbeitet er als Storyboardzeichner, Animator und Drehbuchautor. Er hat mit „Der Beste“ einen preisgekrönten Kurzfilm produziert und am „Filmmasters Program“ in Hollywood teilgenommen. Sein erster Comic „Wave and Smile“ war ein vielversprechendes Debüt und eine der bestverkauften Graphic Novels des Jahres.

Volker Kutscher
Journalist und Schriftsteller, geboren 1962, schuf mit „Der nasse Fisch“ (Kiepenheuer & Witsch) einen deutschen Krimi-Bestseller. Inzwischen gibt es fünf Romane um seinen Kommissar Gereon Rath und die Verfilmung ist geplant. Kutscher liebt Comics und unterstützte Arne Jysch bei der Bildrecherche mit Rat und Tat.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 28.03.2017
Seitenzahl: 216
ISBN: 978-3-551-78248-9
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Fabian
Fabian
Warum denn so ernst?