Review

Mit einer gewissen Ehrfurcht und auch Scheu schlägt man die üppige, knapp 420 Seiten starke „Crossed Monster-Edition: Band 1“ auf, wenn man sich bisher nicht oder nur sporadisch an Garth Ennis‘ („The Punisher“, „Preacher“, „Caliban – Odyssee ins Grauen“, „Rover Red Charlie“ u.v.m.) hammerharte und drastische Schöpfung „Crossed“ heran gewagt hat. Zu viel schon hat man über den Inhalt der Serie gelesen bzw. gehört. Laut Panini handelt es sich gar um die „härteste Endzeit-Horror-Serie auf dem Markt“. Allein eine derart reißerische Betitelung weckt das Interesse der – auch weniger – sensationslüsternen Leser. Schließlich erfreut sich das Genre des Endzeit-Horrors nach wie vor größter Beliebtheit (siehe etwa auch Parallel – New York, New York (Band 1)“, Rick Remenders‘ Devolution“ oder „Life Zero – Mit der Kälte kamen sie“).

Bereits im Jahre 2008 erschienen die ersten Ausgaben von „Crossed“, bei denen Autor Garth Ennis von Zeichner Jacen Burrows unterstützt wurde und die hier nun gesammelt vorliegen.

Im Mittelpunkt der ersten Geschichte stehen die Schicksale einiger Überlebender, nachdem die Zivilisation mit einem Schlag endet. Denn auf einmal wird der Großteil der Menschheit zu blutrünstigen Irren, gezeichnet durch ein blutiges Kreuz im Gesicht, und eben diese Infizierten geben sich im Folgenden ihren niedrigsten Trieben und Begierden hemmungslos hin.

Die Sache ist die: Keiner hat je erfahren, was passiert ist. Wo es herkam, wer zuerst gebissen worden war – kein Mensch wusste es. Um es herauszufinden, muss man erst aufhören zu rennen. Ich bezweifle, dass das irgendjemand getan hat. Aber die Leute spekulierten natürlich. Als wir sechs Monate später darüber redeten, erwähnte Cindy eine Strafe Gottes. Das war eine von den beliebten Theorien. Ich hatte nur ein kaltes Lächeln dafür übrig und verdrehte die Augen. Typisch, murmelte ich. Als ob es jemals einen verdammten Sinn ergeben hätte, was Gott tut oder nicht tut.

Die eben wiedergegebenen Worte stammen von Stan, der neben der toughen Cindy einer der Hauptakteure unter den wenigen Männern, Frauen und Kindern ist, die noch nicht infiziert sind. Nach der Apokalypse beginnt für eine kleine Gruppe Menschen der Überlebenskampf. Auf ihrer Suche nach Schutz und einem Zufluchtsort werden sie zwar von den von der mysteriösen Infektion betroffenen perversen und mordlüsternen Barbaren heimgesucht, aber auch ihre eigenen unmenschlichen Seiten kommen immer öfter zum Vorschein.

Im zweiten Abschnitt der „Crossed Monster-Edition: Band 1“ beginnt eine komplett neue „Crossed“-Storyline des Autors David Lapham („Deadpool MAX“, „The Strain“), die auf den Titel „Family Values“ hört. Es verschlägt uns zu einer vermeintlich idyllischen Pferderanch, die von der Großfamilie Pratt betrieben wird. Der beschauliche und harmonische Schein trügt jedoch, denn Familie Pratt wird vom eigenen Familienoberhaupt, das sich als echter Haustyrann entpuppt, unterdrückt. Das gänzliche Zerwürfnis der Familie wird jedoch aufgeschoben, als die brutalen Infizierten die Ranch erreichen. Zunächst sucht die Familie unter der Führung des grausamen Vaters ein Refugium für die wenigen Überlebenden. Im Hintergrund brodelt jedoch der Konflikt, der sich aus den inzestuösen Vergewaltigungen während der Kindheit der Pratt-Mädchen und dem Gott-Komplex des Vaters ergibt, der meint, für seine abscheulichen Taten von Gott berufen zu sein. Protagonistin in dieser postapokalyptischen Familiensaga ist die drittälteste Tochter der Familie, Adaline Pratt, die sich gegen die Selbstherrlichkeit des Vaters auflehnt. Was folgt, ist eine Art Abgesang auf die amerikanische Familienidylle.

„Crossed“ ist ein schonungsloser Endzeit-Schocker, in dem die Autoren Ennis und Lapham, beide ohnehin schon keine Kinder von Traurigkeit, völlig von der Leine gelassen werden. Ohne, dass wir den Grund für die höchst ansteckende Epidemie erfahren, ist die Welt auf einmal von Sadisten, Perversen und Psychopathen übersät, die man leicht an dem markanten Kreuz im Gesicht erkennen kann. Diese mordenden, vergewaltigenden, blutrünstigen Irren, die ohne jegliches Mitgefühl auskommen und ausschließlich widerliche und obszöne Dinge von sich geben, öffnen Tür und Tor für exzessive Gewaltdarstellungen und eine in jeder Hinsicht hoffnungslose neue Welt.

Dabei erfinden die Herren Ennis und Lapham, denen der Einsatz von exzessiver Gewalt als Stilmittel durchaus vertraut ist, mit ihrem Endzeit-Horror aber sicherlich das Rad nicht neu. Mitunter drängt sich dem Leser leider der Eindruck auf, dass sie mit den expliziten Gewaltszenen ausschließlich Aufmerksamkeit erheischen wollen. Hier scheinen Vergewaltigung und Mord allzu oft Mittel zum Zweck zu sein, wobei nicht (bzw. äußerst selten) reflektiert wird. In diesem Zusammenhang erscheint es passend, dass die „Crossed Monster-Edition: Band 1“ am besten funktioniert, wenn sie sich – gerade in der ersten Geschichte von Ennis – auf den bedrängenden und eindringlichen Horror konzentriert, der mitunter atmosphärisch dicht erzählt wird. Sobald die mordlüsternen Barbaren die Bühne betreten, wandelt sich das Geschehen schnell in einen banalen Endzeit-Actioner, der häufig unappetitliche, nur selten wirklich spannende Survival-Horror-Unterhaltung bieten kann. Dies hinterlässt einen faden Nachgeschmack, da der Leser vergleichbare Storys schon zu oft gelesen bzw. gesehen hat.

Das Artwork kann auch nur partiell überzeugen. Insbesondere die Kolorierung ist durchgehend gelungen und ansprechend. Die Zeichnungen sowohl von Jacen Burrows als auch von Javier Barreno, der die Story von David Lapham bebildert, sind mit sehr grobem und hartem Strich gezeichnet und passen nicht durchwegs zur jeweiligen Geschichte; vor allem sind die Illustrationen gleichermaßen wenig realitätsnah. Zwar eignet sich „Crossed“ allein deswegen keineswegs für zartbesaitete oder jüngere Leser, schon wegen der verstörenden Geschehnisse nicht, aber der Zeichenstil beider Künstler mindert sicherlich die Ekel- und Schockeffekte, die sonst noch drastischer hätten ausfallen können. 

Als Fazit lässt sich sagen, dass für absolute Endzeit-Schocker-Fans sicher kein Weg an „Crossed“ vorbeiführt. Die Geschichten sind dabei mit abstoßenden – und in Comics selten zu sehenden – Brutalitäten gespickt, wobei die Story kaum Tiefgang aufweist, Charaktere größtenteils blass bleiben und die Darstellung von Gewalt zum Selbstzweck wird.
Die „Crossed Monster-Edition: Band 1“ eignet sich sowohl für Neuleser als auch für Fans der Reihe, da der prächtige Sammelband im Regal gewiss eine gute Figur macht. 

Inhalt

Die Zivilisation endet über Nacht. Normale Menschen werden zu blutrünstigen Irren, gezeichnet durch ein Kreuz im Gesicht. Wie können die wenigen Männer, Frauen und Kinder, die nicht infiziert sind, überleben? Und wie weit kommen sie, bevor sie von dieser barbarischen Welt gezwungen werden, selbst zu Monstern zu werden?

(Quelle: Panini Comics)

Autoren & Zeichner

Garth Ennis
(*16. Januar 1970 in Holywood, Nordirland) ist ein nordirischer Comicautor. Er ist vor allem durch seine DC-Vertigo Comics-Serie „Preacher“ bekannt. Regelmäßig arbeitet er mit den Zeichnern Steve Dillon, Glen Fabry und John McCrea zusammen.

(Quelle: Wikipedia)

Garth Ennis – Facebook

Jacen Burrows
ist ein amerikanischer Comicbuch-Künstler.

Jacen Burrows – Twitter

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 29.08.2017
Originalausgaben: Crossed Volume 1-2
Seitenzahl: 420
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Verlag

Copyright Cover: Panini Verlag



Über den Autor

Fabian
Fabian

Warum denn so ernst?