Review

Egal wie heiß, auffällig und extrem ein Buchcover im Buchladen auch sein mag, jenes von „Verbrannte Zungen“ ist heißer, auffälliger und extremer. Die Anthologie mit ihren acht unterschiedlichen Kurzgeschichten, handverlesen von „Fight Club“-Autor Chuck Palahniuk höchstselbst und entstanden in einer konstruktiven Zusammenarbeit eines (Autoren)kollektivs, das unablässig schliff und feilte, bis die Storys zu dem wurden, wie sie in „Verbrannte Zungen“ nun anzutreffen sind, ist definitiv ein Hingucker. Dafür sorgt das das Artwork provokant und ästhetisch zugleich zierende Model Carlin Mimicri vor ins Auge stechendem magentafarbenem Hintergrund.

Bevor es mit den mal mehr und mal weniger expliziten, aufrüttelnden und außergewöhnlichen Geschichten losgeht, verlieren die Herausgeber Chuck Palahniuk, Richard Thomas und Dennis Widmyer zunächst ein paar einleitende Worte zur Idee, Entstehung und möglichen Wirkung von „Verbrannte Zungen“.
Kurios und überraschend mag dabei Palahniuks Aussage „Das Schlimmste, was Ihnen passieren könnte, ist, dass Sie dieses Buch lesen und sofort jedes Wort bejubeln.“ wirken, denn ist es nicht genau das, was sich Autoren von ihren Veröffentlichungen wünschen? Dem gibt Palahniuk im Grunde recht, räumt aber ein, dass einige Geschichten aus „Verbrannte Zungen“ der Wandlung und Entwicklung des Geschmacks des jeweiligen Lesers unterworfen sind und daher eventuell erst zu einem späteren Zeitpunkt, nach erneutem Lesen gefallen und ansprechen werden. Wie sich im Verlauf der Anthologie zeigen wird, sieht man diese Hinweise Palahniuks bestätigt.

Denn wie so oft bei einer bunt gemischten Zusammenstellung unterschiedlichster Geschichten, Themen und Stile sprechen die einen mehr, die anderen zunächst weniger an. Fest steht, am Talent der hier aktiven Autoren liegt das nicht. Jeder Story ist anzumerken, dass viel Zeit und Arbeit in sie gesteckt wurden. In aller Kürze – ein großer Vorteil von „Verbrannte Zungen“, denn die Geschichten kommen in ihrer schnell zu lesenden Knappheit stets hervorragend auf den Punkt und verschwenden keine Zeit mit unnötigen Details und Längen – zeugen die Inhalte von ihrer jeweils durchdachten Struktur und einem stringenten (oftmals subtilen) Spannungsaufbau, während trotz des überschaubaren Umfangs den Charakteren sehr viel Profil und Tiefe verliehen wurden. Das schürt die Intentionen der Erzählungen und stärkt die – je nach Kontext mitgelieferte – Dramatik, Emotionalität oder Schockwirkung.

Von allem bietet „Verbrannte Zungen“ etwas. Ob mit zynischer Feder geschrieben oder realitätsnah und damit authentisch, ob Tabuthemen oder Alltägliches, ob Figuren mit hohem Identifikationspotenzial oder die Außenseiter der Gesellschaft – acht unterschiedliche Autoren schaffen in „Verbrannte Zungen“ Platz für acht abwechslungsreiche Geschichten mit all ihren unterschiedlichen Figuren und Schreibstilen.

Chuck Palahniuk (Copyright: Allan Amato)

Chuck Palahniuk (Copyright: Allan Amato)

Ein schreibstilistisches Potpourri, auf das man sich immer wieder neu einstellen muss, ist dennoch kaum vorhanden, denn insgesamt wirken die Autoren und ihre literarischen Ergüsse durchaus harmonisch aufeinander abgestimmt. Dies gewährt einen schnellen Lesegenuss, der den Fokus auf den Inhalt und nicht auf die Schreiber dahinter lenkt.

Besonders sticht dabei die Entwicklung einer jeden Story ins Auge. Während einige Autoren direkt zu Beginn auf den Punkt kommen, sorgt die Mehrheit der hier kreativ Tätigen für leise Ahnungen, die sich immer weiter zuspitzen und schließlich in einem lauten Knall münden. Schon der Klappentext kündigt an, dass „jede Story berührt und beeindruckt, und manche […] sogar eine Narbe [hinterlässt]“ – und dem ist zuzustimmen, denn gerade das langsame Aufbauen der Handlung erzeugt eine drastische Wirkung beim Leser.

Kompliment an die hier präsentierte literarische und visuelle Ästhetik dieses vielversprechenden Reihen-Auftakts, der inhaltlich in zukünftigen Ausgaben das Niveau hoffentlich halten oder besser noch übertreffen kann, die Optik von „Verbrannte Zungen“ jedoch exakt so beibehalten und mit Model Carlin Mimicri fortführen sollte.

Inhalt

Eine Sammlung voller mutiger Geschichten. Tabuthemen, einzigartige Erzählstile, drastischer Sprache und ein untrügliches Händchen für das Risiko. Das alles und viel mehr zeichnet die Geschichten in diesem Buch aus. Acht Geschichten, persönlich ausgewählt von Fight Club-Autor Chuck Palahniuk!

Auftakt zu einer Reihe wagender Geschichten, an denen man sich die Zunge verbrennen kann. Das Extreme bleibt. Das, wogegen wir uns widersetzen, hat beharrlich Bestand.

(Quelle: U-Line)

Autoren & Geschichten

Chuck Palahniuk – Die Macht der Beharrlichkeit (Ein Vorwort)
Dennis Widmyer und Richard Thomas – Die Entstehungsgeschichte von Burnt Tongues
Neil Krolicki – Die Pechmarien
Chris Lewis Carter – Charlie
Gayle Towel – Papier
Tony Liebhard – Paarungsrufe
Michael De Vito Jr. – Melody
Tyler Jones – B wie Betrüger
Phil Jourdan – Im Kopf des Soldaten
Richardt Lemmer – Zutaten

Details

Format: Hardcover
Extras: mit drei unzensierten Postkarten gratis
Veröffentlichung: 24.06.2016
Seitenzahl: 168
ISBN: 978-3-944154-44-2
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: U-Line Verlag

Copyright Cover: U-Line Verlag



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde