Review

„Black Hammer ist zweifellos eins von Lemires besten Werken.“ (Scott Snyder)

„Ich lese heutzutage nicht mehr viele Comics, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Superhelden-Comic gelesen habe, aber ich liebe Black Hammer.“
(Mike Mignola)

„Black Hammer ist der verrückteste und BRILLANTESTE Comic, den ich in den letzten Jahren gelesen habe.“
(Mark Millar)

Wenn ein Comic nicht nur hierzulande für den Max-und-Moritz-Preis nominiert ist, sondern – wie oben zu lesen – auch die geballte Comic-Prominenz von einem Werk entzückt ist und schwärmt, dann gibt es doch keinen plausiblen Grund, warum sich Anhänger der neunten Kunst „Black Hammer 1: Vergessene Helden“ aus der Feder von Jeff Lemire (zuletzt: „Thanos Megaband 1: Tödlicher Titan“) entgehen lassen sollten.

Dabei wäre es zu Lemires Projekt fast gar nicht mehr gekommen. Wie wir im Nachwort der – typischerweise wundervollen – ersten Ausgabe aus dem Splitter Verlag nachlesen können, begleitet „Black Hammer“ den Comic-Autor schon lange, denn die Idee zu der Geschichte hatte er wohl schon 2007 oder 2008. Dies sollte seine Version der (klassischen) Superhelden werden. Zu dieser Zeit ging der Kanadier nämlich – aus heutiger Sicht völlig zu Unrecht – noch davon aus, er würde niemals „Mainstream-Superheldencomics“ für DC oder Marvel schreiben. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Denn inzwischen hat Lemire Thanos, Moon Knight, Hawkeye, die X-Men, Old Man Logan, die Justice League, Animal Man und noch viele mehr in seinem reichhaltigen Portfolio, weshalb seine Idee lange im Schreibtisch warten musste. Nachdem er sich vorläufig schon mit Dark Horse über eine Veröffentlichung geeinigt hatte, nahm das Projekt erst seit 2014 wieder wirkliche Formen an.

Obwohl Lemire zunächst geplant hatte, die Zeichnungen selbst anzufertigen, entschied er sich wegen des Zeitaufwands dagegen. Ihm zur Seite gestellt wurde jedoch ein beeindruckendes Kreativteam, in dem sich unter anderem Dean Ormston („Judge Dredd“, „Predator“) als Zeichner und der große, neunmalige Eisner Award–Gewinner (Eisner Award: 2003, 2005, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011, 2013, 2015) Dave Stewart („The Amazing Screw-on Head“, „Baltimore 2“, „Hellboy 16: Hellboy und die B.U.A.P. 1953“) als Kolorist finden. Beide machen den Band schon für sich genommen zu einem lesenswerten Vergnügen.

So, nun aber genug der Vorrede.

Worum geht es denn eigentlich in „Black Hammer“?

Vor zehn Jahren haben der Superheld Black Hammer und sechs weitere seiner Mitstreiter Spiral City vor dem mächtigen Anti-Gott gerettet. Die Superhelden verschwanden jedoch nach der Schlacht spurlos und ihre Leichen wurden nie gefunden. Die meisten Menschen haben die Helden mittlerweile vergessen. Für sie sind sie nur noch urbane Legenden und Geistergeschichten. Was die Menschheit nicht weiß, ist, dass die Retter von Spiral City noch am Leben sind. Nach dem letzten Gefecht mit ihrem Erzfeind hat es sie in eine „Twilight Zone“-artige Kleinstadt verschlagen. Der mächtige Black Hammer ist nicht mehr unter ihnen, aber die restlichen Beschützer von Spiral City, bestehend aus Abraham Slam, dem ersten knallharten Verbrechensbekämpfer und seinen Gefährten Golden Gail, dem Mädchen mit den Superkräften, der mystischen Madame Dragonfly, Barbalien, dem Kriegsherrn vom Mars, und Colonel Weird, dem draufgängerischen Weltraumhelden mit seinem treuen Roboter Talkie-Walkie, leben nunmehr als kauzige und skurrile Familie auf einer Farm in einem Kaff. Während Abraham sich nach zehn Jahren mit seiner Situation abgefunden zu haben scheint, sich zu integrieren versucht und sogar eine neue Dame seines Herzens kennengelernt hat, ist die übrige Familie es leid, dort zu verharren. Allerdings wissen die vergessenen Superhelden nicht einmal, ob sie sich überhaupt noch in ihrem Universum befinden und die Stadtgrenzen können sie auch nicht passieren. Ein harmonisches Familienleben scheint ausgeschlossen, zu unterschiedlich sind die Persönlichkeiten der größten Helden aller Zeiten und zu unterschiedlich die Vorstellungen, wie es mit ihnen weitergehen soll.

Mit „Black Hammer“ präsentiert uns Jeff Lemire seine ganz persönliche Hommage und Liebeserklärung an Superhelden-Comics. Dabei sprudelt der Band vor unterschiedlichen Einflüssen und Ideen nur so über. Jahrzehnte der Geschichte der bebilderten Kunst werden hier verarbeitet. So stammen seine Figuren etwa allesamt aus unterschiedlichen Zeitaltern der Comic-Kunst und sind größtenteils an Vorbilder aus den Häusern Marvel oder DC angelehnt oder eine Mixtur einer gesamten Strömung oder Grundidee.

Nur zur Erinnerung in aller Kürze: Das Goldene Zeitalter umfasst die frühen Jahre der Superhelden-Comics und begann etwa mit Supermans Geburt. In der Folge sollten allerdings noch diverse Kultfiguren das Licht der Welt erblicken, die größtenteils noch bis heute die Comic-Landschaft prägen. Und das, obwohl die Werke – gerade im Vergleich zu heute – sicherlich oft recht kindlich und unbeholfen wirkten. Im Raumfahrtzeitalter, dem Silver Age, bekamen Superhelden neuen Schwung, indem man ihnen Elemente der Science-Fiction beimischte und derart in ein neues Umfeld katapultierte und neuen Gefahren aussetzte. In jüngerer Zeit – Bronze Age – richteten sich Comics dann auch vermehrt an Erwachsene und sozial relevante Themen fanden in ihnen eine Heimat, wie Drogenabhängigkeit, Rassismus oder auch Gleichberechtigung.

Alle diese Strömungen und Merkmale hat Jeff Lemire hier zusammen liebevoll „verwurschtelt“Beispielhaft seien nur einige Charakteristika genannt. So erinnert Lemires Gegenspieler der Anti-Gott sicherlich (mehr als nur geringfügig) an DCs legendären Bösewicht, den Anti-Monitor, der vor allem im Meilenstein „Crisis on Infinite Earths“ seinen großen Auftritt hat. Außerdem entstammen die Helden und Retter von Spiral City den verschiedenen „Ages“ und sind anderen Heroen – mal mehr und mal weniger deutlich – nachempfunden. So lässt sich sagen, dass (mindestens) zwei der Superhelden aus dem Golden Age of comics, einige aber auch aus dem Silver Age und wieder andere aus modernerer Zeit, also dem Bronze-Zeitalter stammen.

Abraham Slam ist zweifellos eine Golden Age-Figur. Der Vigilant, der einst kurzsichtig und dürr war und als für den Militärdienst untauglich eingestuft wurde, ist an den klassischen Captain America angelehnt. Er weist aber auch (vor allem optisch) Parallelen zu Batman auf. Golden Gail ist ebenfalls hier einzuordnen. Sie erinnert vornehmlich an Shazam, da sie sich, ähnlich wie er, durch das Aussprechen des Namens eines Zauberers (dort: Shazam; hier: Zafram) in eine Superheldin verwandelt.

Leseprobe aus „Black Hammer 1: Vergessene Helden“ (Copyright: Splitter Verlag)

Demgegenüber stammen eindeutig aus dem Silver Age: Colonel Weird und sein Roboter, die einen gewissen Sci-Fi-Charme mitbringen, aber auch die Figur des Barbalien (alias Mark Markz), die vor allem an den Martian Manhunter (alias J’onn J’onzz alias John Jones) erinnert.

Madame Dragonfly erinnert wiederum an mysteriöse Figuren wie Doctor Strange und ist eine Verkörperung moderner Horror-Comics.

Dadurch, dass „Black Hammer“ in der Gegenwart auf der Farm spielt und ansonsten mit zahlreichen Flashbacks arbeitet, sehen wir hier Wechsel zwischen Stil, Ton und Aussage von Comics, manchmal innerhalb von Kapiteln, jedenfalls aber zwischen den einzelnen Kapiteln.

Jeff Lemire hat hier einen ausgezeichneten Grundstein gelegt und das Interesse des Lesers mehr als geweckt. Die erste Ausgabe ist ein absoluter Hingucker geworden, kommt mit reichlich Bonusmaterial (wie etwa einem klassischen Who’s Who) daher und soll allen Comic-Freunden wärmstens empfohlen sein. Für alle, die schon entzückt sind, gibt es noch die frohe Kunde zu berichten, dass Lemire sein „Black Hammer noch um diverse Spin-offs erweitert („The Hammerverse“), die hoffentlich auch wieder – prächtig aufgemacht – beim Splitter Verlag erscheinen werden.

Inhalt

Das goldene Zeitalter der Superhelden ist vorüber. Abraham Slam und seine Gefährten waren einst die Beschützer von Spiral City, aber nach einem schicksalhaften Gefecht gegen ihren Erzfeind finden sie sich in einem gottverlassenen Nest irgendwo im Nirgendwo wieder. Dort müssen die Helden sich wohl oder übel häuslich einrichten, denn aus der Kleinstadt gibt es kein Entkommen, wie sie schmerzlich erfahren müssen.

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Jeff Lemire,
geboren am 21. März 1976, ist ein kanadischer Comicautor und Autor von der Essex County Trilogy, Sweet Tooth, The Nobody und The Underwater Welder. Lemire ist bekannt für seine launischen, humanistischen Geschichten und seinen skizzenhaften, filmischen Schwarzweiß-Zeichenstil.

(Quelle: Wikipedia)

Jeff Lemire – Homepage
Jeff Lemire – Twitter

Details

Format: Hardcover, Bookformat
Veröffentlichung: 19.03.2018
Seitenzahl: 184 inkl. Bonusmaterial
ISBN: 978-3-96219-081-1
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)