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Berichte

25. Mai 2015

Bericht und Fotos: Wave-Gotik-Treffen 2015

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Verfasst von: Ivonne
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Hätte das Wave-Gotik-Treffen, das jährlich in Leipzig stattfindende Gothic-Festival, einen Geruch, wäre es sicherlich Patchouli. Müsste man ein stellvertretendes Geräusch bestimmen, käme da wohl nur leises Glöckchengeklingel in Frage.
Zugegeben, das sind alberne Klischees, mit denen man Anhänger der dunklen Szene hier straft – aber dennoch. Die erste Sparkassenfiliale, die wir am gestrigen WGT-Sonntag kurz nach unserer Ankunft betraten, roch bereits charakteristisch. Und obwohl wir uns vor allem in der Innenstadt aufhielten, war stets irgendwo der helle Ton einiger Glöckchen zu vernehmen.

Sehen konnten wir die Besucher aber zunächst nicht. Etwas verwundert schon bei der Einfahrt in die sächsische Großstadt mussten wir erst mal nach den Besuchern suchen. Tatsächlich scheinen Sonntagmittag und -nachmittag entweder alle noch in den Betten zu liegen, das kalkweiße Make Up aufzulegen oder bereits zu elektronischen, klassischen oder sonst wie zu kategorisierenden Klängen die Gliedmaßen zu verrenken – es war leer. Zumindest was offensichtliche WGT-Besucher anbelangt.
Leipziger sahen wir aber. Und davon erstaunlich viele – zumindest für einen regulären Sonntag. Und noch mehr sympathisierend in dunklen Farben gekleidet und/oder mit Handys, Fotoknipsen oder schon halbprofessionellem Fotogerät behangen. Versprengte Duos oder kleinere Gruppen der auffällig gekleideten Festivalbesucher wurden sofort in der und von der Menge belagert. Blieben sie dann erst einmal stehen, kamen sie kaum mehr vom Platz – und wir quasi nicht mehr vorbei. Wenn ihr mehr zur Fotokultur auf dem diesjährigen WGT lesen wollt, schaut doch mal hier vorbei!

Da die Veranstaltungsorte des WGT ja über die ganze Stadt verteilt sind – in unseren Tipps haben wir euch ja einige vorgestellt – nutzen die Besucher die Innenstadt nicht nur als nützlichen Durchgangsbereich. Neben dem „Sehen und Gesehen werden“ steht auf vielen dunklen Agenden natürlich auch das Aufstocken der eigenen Garderobe. Geschäftstüchtige Ladenbesitzer wissen die über 20.000 Festivalgänger natürlich auch einzuschätzen. Also wird alles, was irgendwie schwarz, benietet oder sonst wie alternativ ist, aus den Lagern und dunklen Ecken gezerrt und der interessierten Öffentlichkeit präsentiert.
Pop Up-Stores, zum Beispiel der große Sale-Bereich des EMP-Shops oder direkt in der Nähe des EMP-Stores der von Wonderland 13, erfreuen die Shoppingwütigen in der Innenstadt.

Besonders sehenswert auf unserem Streifzug war allerdings die Leipziger Kunst Galerie, die mit der Gothic Art Sonderausstellung „Morbide Kunst – verwunschene Orte“ lockte. Hier stellten verschiedene Künstler Skulpturen, Collagen, Gemälde, Fotografien und Zeichnungen aus. Beeindruckend waren neben den Fotografien von Sebastian Wildgrube, der sich mit farbigen Lost Places-Bildern angenehm vom schwarz-weißen Standard dieses Genres abhob, vor allem die großformatigen und abstrakten Gemälde von Sara Gaveau, die gemeinsam mit Martin Hermeling das Atelier mit der Produzentengalerie betreibt. Abgerundet wurde das gemischte Ensemble von den Metallskulpturen von Kraken, Dämonen und anderen morbiden Wesen, die sich als Stuhl, Regal oder Uhr sogar im Alltag nützlich machen. Wer sich hier also in die Seitengässchen der Leipziger Innenstadt wagte, konnte viel entdecken – auch wenn die hier gezeigten Kunstgegenstände wegen Größe und Preis vielleicht nicht so sehr als Festivalmitbringsel geeignet sind.

Galerie: WGT 2015

(Alle Fotos bei Flickr ansehen)

Neben den szenigen Geschäften, Aktionen und Sonderausstellungen rüstet aber auch „Otto Normalo“ zum WGT auf:
Im Zeitschriftenriesen „Ludwig“ am Leipziger Bahnhof kann man dann „Leipziger Wave Gotik Impressionen“ in Kalenderform kaufen, mittelprächtige Fotografien inklusive.
Wer schönere Fotos haben möchte, konnte sich ebenfalls am Hauptbahnhof von pixyfoto in Szene setzen lassen – zumindest, soweit schwarzer Pannesamt, LED-Kerzen und ein goldener Thron eben dem persönlichen Geschmack entsprechen. Alternativ verschicken wir an Oma und Opa zu Hause auch einfach eine „gothic Ansichtskarte 2015“?
Was bei einem durchschnittlichen Schuhgeschäft – mit schwarzen Stiefeln und ein paar Nieten im Schaufenster – noch irgendwie naheliegend ist, wird dann bei einer „gruftig“ dekorierten Apotheke eher lustig. Wenn aber sogar der Eingang zu einem McDonald’s mit schwarzen Ballons behängt ist oder der Bäcker um die Ecke „Vampirzähne“ verkauft, wirds langsam albern.

Die Krönung aus schwarzer Deko, unterdurchschnittlichen Souvenirs und interessanten bis schrägen Aktionen war aber eindeutig „Your Gothic Mini-Me“. Die findigen Geschäftsleute von My3DFamily, die nun in den Höfen am Brühl in Leipzig ein Ladengeschäft betreiben, haben extra für die Fans schwarzer Gewandungen einen Werbeflyer entworfen. Was sie verkaufen? Figuren aus einem 3D-Drucker. Dabei ist man mit 49€ für eine 6cm große (oder kleine) Figur dabei. Schon die nächste Größe, 15cm, kostet dann stolze 219€! Möchte man sich so ein edles Rumstehchen gönnen, sollte man aber den kleinen Hinweis für optimale Ergebnisse auf der Homepage beachten: „Kontrastreiche und farbenfrohe Kleider liefern die besten Ergebnisse. Glänzende Stoffe und reflektierende Gegenstände sollten nach Möglichkeit vermieden werden wie z.B. Leggins, Anzüge, Seidenbluse. Tief schwarze oder weiße Stoffe könnten ungeeignet sein. Bringen Sie ruhig Alternativen mit.“ Nun, mir scheint, da hat jemand bei den Farbvorlieben des Durchschnittsgothen nicht richtig aufgepasst.

Am Ende muss ich schon zugeben: Wir haben wirklich alles, was das dunkle Herz begehrt, an diesem einen Sonntag entdeckt – und noch viel mehr, von dem wir gar nicht wussten, dass wir es haben wollen könnten. Nur das schwarze Eis, das es letztes Jahr gab und an das ich mich dieses Jahr unbedingt wagen wollte, haben wir nicht entdeckt. Nächstes Jahr vielleicht!

bericht-und-fotos-wave-gotik-treffen-2015-foto

Man sieht sich im nächsten Jahr! Liebe Grüße von der „WGT-vor-Ort-Redaktion“ Silvana, Marcus und Ivonne!



Über den Autor

Ivonne
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„Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust.“ – Rosette Niederer






 
 

 

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One Comment


  1. […] – da gibt es von mir einen Kommentar zur Foto-(Un)Kultur und von Iv einen wirklich amüsanten Bericht zum WGT – samt Fotos von uns! ^^ Das größte Highlight des Tages erzähle ich euch aber im […]



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